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Gamma Ray – Master of Confusion

Kritik von: Alexander Kipke
Album-Cover von Gamma Rays „Master of Confusion“ (2013).
„Ein intensiver Vorgeschmack auf das kommende Album.“
Interpret: Gamma Ray
Titel: Master of Confusion
Erschienen: 2013
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Seit Mitte 2011 war es ziemlich ruhig um die Hanseaten-Rocker von Gamma Ray gewesen. Nachdem sie mit ihrer Skeletons and Majesties Tour an frühere Zeiten anknüpften und dabei mit einem Set von bisher live kaum oder gar nicht performten sowie einigen akustischen Songs ihre Mini-Tour durch Deutschland machten, sollte zügig eine Welttournee folgen und ein neues Album sowie eine Live-DVD erscheinen. Im Oktober 2011 trat Kai Hansen dann der Melodic-Rock-Soupergroup Unisonic bei, Dirk zupfte währenddessen den Bass bei Neopera und bis Mitte 2012 glaubte manch ein Unker sogar, dass G-Ray nun endgültig auf Eis gelegt werden sollte. Die so häufig zitierte metaphorische Gerüchteküche war schon ordentlich am überkochen.
Doch wie so oft, war an all den Gerüchten nichts dran. Zur schönsten Sommerzeit kommt ein Anruf von Gamma Ray-Bassist Dirk Schlächter: Die Live-DVD ist in der Mache und fast fertig, am neuen Album wird demnächst auch schon gearbeitet, vorher kommt eine EP und das "Round the World Ticket" soll auch durch eine intensive Tour alsbald als möglich eingelöst werden - also volles Programm auf der Agenda! Nach den Monaten des Schweigens fühlt man sich als nach Unterhaltung lechzender Fan, aber auch als Journalist gleich etwas erschlagen von so einer Arbeitswut. Anders ist man es ja von den Hamburger Mannen eigentlich auch nicht gewohnt. Wenn nicht bei Gamma Ray, so werkeln sie doch ständig irgendwo anders nebenbei mit und toben sich aus.
Doch bevor es mit der Produktion der neuen Songs Anno 2012 überhaupt los gehen konnte, verkündete die Band einen Line-Up-Wechsel, bei dem der langjährige Drummer Daniel Zimmermann durch Michael Ehré ausgetauscht wurde. Dass ein seit Jahren aktiver guter Musiker wegen privater Gründe aufhört, ist immer irgendwie etwas nervig, da man als Hörer weiß, der ist noch da und könnte theoretisch gesehen doch noch mal was machen. Naja, vielleicht wird er ja, sobald ihm zu Hause langweilig wird, den einen oder anderen Gastauftritt mit Gamma Ray hinlegen. Die von solchen Personalveränderungen untrennbaren Fandebatten darüber, wer nun der bessere Drummer sei, wollen wir an dieser Stelle mal außen vor lassen. Doch nun genug zur Vorgeschichte von Master of Confusion! Lauschen wir lieber mal, was das Teil zu bieten hat.
Der erste Track Empire of the Undead soll nicht nur der Titel des nächsten Studioalbums werden. Nein, viel mehr ist dieser Song ein Wegweiser für die Richtung, die Gamma Ray schon bereits seit Anbeginn der Bandgeschichte beschritten hat. Hier werden thrashige Elemente mit melodischem Power Metal verwoben, dass sich die Balken biegen. Druckvolle Riffs mit enormem Ohrwurmpotential donnern einem um die Ohren. Die Zeilen "Running through the cold night, fever on my mind" verdeutlichen ganz gut, welches Feeling der Song aufzubauen vermag. Es juckt einen förmlich in den Füßen, einfach los zu rennen - aber wohin? Ins Reich der Toten! Musikalisch der reinste Genuss, doch textlich leider stellenweise etwas dünn. Immer wieder die Worte "Empire of the Undead" in diversen Tonhöhen zu wiederholen sorgt manchmal für eine gewisse Langeweile, die in diesem Fall wirklich nur durch den straighten Sound kompensiert und zu einem immer noch guten Ergebnis geführt werden kann.
Nun kommt an zweiter Stelle der Tracklist die Nummer, die ich bisher so an die Tausend mal gehört habe. Und das ist wirklich nicht übertrieben, denn wir von Metal Trails haben die Jungs bei der Produktion der neuen Scheibe in den Hammer Recording Studios seit der Ankündigung des Line-Up-Wechsels begleitet. Das dabei gefilmte Material, befindet sich just im Moment der Entstehung dieser Zeilen in der Post Production, weshalb es tagtäglich omnipräsent ist. Da müsste man eigentlich denken, dass ich nun in der Rolle des Rezensenten genau hier sagen würde, dass mir der Track schon zum Halse raushängt, doch dem ist nicht so. Das titelgebende Master of Confusion kann man sich immer wieder in Dauerschleife reinziehen. Die Vitalität der Nummer nimmt mit jedem Durchlauf zu. Man könnte fast schon sagen, dass er in einer Reihe mit G-Ray-Klassikern, wie Send Me A Sign, dem ursprünglich für Helloween geschriebenen I want Out, dem epochalen Rebellion in Dreamland oder solchen Kloppern, wie Last before The Storm steht. Master of Confusion ist für die nächsten Jahre gewiss sicherer Stammgast der Setlist.
Und hier endet auch schon mit Side A der Anteil an neuem Material. Was jetzt noch auf der so betitelten "längsten Metal-Single aller Zeiten" kommt, sind zwei Cover auf Side B und diverse Live-Tracks auf Side C. Diese sind zwar schon auf der Ende 2012 erschienen Blu-ray-Version der Live DVD von der Skeletons und Majesties Tour 2011 gelandet, jedoch auf der Live-CD sucht man sie vergebens. Diese Dreiteilung hat was für sich, da sie alle Aspekte - Studio, Live und Cover - gut abdeckt. Alle, die die früheren Alben der Band kennen, wissen, dass die Cover immer wieder mehr oder weniger regelmäßig auf den Alben eingestreut wurden - zuletzt 1999 bei Power Plant.
Die beiden nun folgenden Cover sind Death Or Glory von Holocaust und Lost Angels von Sweet. Death or Glory ist eine wirklich solide Nummer, die sich nahtlos an den Titel Empire of the Undead anreihen kann. Die röhrenden Gitarren kommen schön heavy daher und pusten einem das Hirn aus der Bratze. Doch nun sind wir an einer der meiner Meinung nach schwächsten Stellen der Scheibe angelangt: Lost Angels. Was verdammt noch mal hat der Track hier zu suchen? Netter Refrain, sonst ist in diesem Fall der Gesang eher ermüdendes Gekreische. Solche Mucke mag den Glam Rockern vergangener Dekaden stehen, aber Gamma Ray steht dieser übertrieben schnulzige Sound nicht.
Soviel zu Side B der Scheibe. Nun beginnt der Live-Part, den einige Fans bereits von der Blu-ray her kannten. Beginnend mit The Spirit sind es insgesamt 6 Live-Tracks, die ihren Weg auf die EP gefunden haben. The Spirit ist dabei ein Song, der seine Zeit braucht, um sich zu entwickeln und vollends zu entfalten. Dadurch, dass er auch noch so oldschool daher kommt, wird der eine oder andere vielleicht mehrere Durchläufe brauchen, um sich damit anzufreunden. Das nun folgende Wings of Destiny thrasht sich von Anfang an auf höchstem Niveau durch den Player. Spieltechnisch ist die Nummer einfach grandios!
So, nun zu einem Klassiker, den man eigentlich von Birth Control kennt: Gamma Ray. Zufälligerweise haben sich die Jungs nach genau diesem Song benannt, von dem nun die Live-Cover-Version erklingt. Nun muss ich ehrlich zugeben, dass die Version von Birth Control mich noch nie sichtlich angesprochen hat. Irgendwie sprang da der Funke einfach nicht über, aber in dieser viel heavieren Version, da groovt der Song, dass einem die Haare zu Berge stehen. Heulend-kreischende Gitarren zerreißen die Spannung, die Kai mit seiner Stimmführung immer wieder aufzubauen vermag. Happy Metal meets psychedelisch angehauchten oldschool Rock. Nun nähern wir uns langsam dem Ende der Scheibe, ein kurzer Blick auf die Anzahl der gespielten Titel und man merkt: Das Ding ist ja prallgefüllt wie ein eigenständiges Album.
Das besondere an Farewell - Titelnummer 8 - ist, dass man mit der EP ohne Bild irgendwo bei 3:30 eine Stimme hört und sich fragt: Who the fuck, ist das da an den Vocals? Die Besitzer des audiovisuellen Outputs sind hier nun klar im Vorteil. Nach kurzem sinnieren merkt man, das ist Bassist Dirk Schlächter! Sonst eher für eingestreute Background Vocals zuständig, kann der Gutste auch solo am Mikro ordentlich Energie zeigen. Ein wunderbarer Kontrast zu Kai. Das macht den Song trotz des hohen Schnulzfaktors zu einem Interessanten Track. Obligatorische Piano-Passage natürlich inbegriffen.
Und was wäre so eine prallgefüllte EP ohne einen Gastsänger? Wie der eine oder andere vielleicht damals mitbekommen hatte, so hat sich Szenen-Ur-Gestein Michael Kiske für einige Songs als Gast im Zuge der Tour 2011 auf die Bühne begeben und nun dem Track seine Vocals geliehen, bei dem er schon Anno 1995 geträllert hatte: Time To Break Free. Die Nummer stammt von dem Album Land of the Free, welches oft als der wichtigste Output der Band aufgeführt wird. Glasklar singt sich Veteran Kiske - der aktuell auch bei Unisonic zusammen mit Kai Hansen in einer Band spielt - durch den Track. Man erinnert sich an alte Zeiten, in denen Helloween in der wohl bekanntesten Besetzung durch die Welt gurkte. Doch es ist gewiss falsch diese Szenerie auf alte Helloweenzeiten zu beschränken, denn was hier dargebracht wird ist ein eigenständiges Stück deutscher Metal-Geschichte. Ein hörenswerter Anspieltipp!
Jetzt sind wir aber tatsächlich auf der Zielgerade angekommen! Nur noch der Titel Insurrection wartet darauf die Gehörgänge zu erobern. An irgendwas erinnert der Song mich doch ... irgendwie hat er was Dio-haftes, würde old Ronnie James statt Kai das Mikro schwingen, so würde man sich wie in den Neunzigern fühlen. Aber dabei bleibt es nicht, schnell wandelt sich der Ton und aus dem aggressivem Beat wird ein typisches Happy Metal Geklampfe. Dieser Break und der folgende Refrain sind einfach der totale Ohrwurm. Horns up und losbangen ist angesagt! Nach ungefähr zwei Dritteln wandelt sich der Track abermals und bekommt einen Speed Metallischen Anstrich, wie Helloween ihn in dieser Qualität vor allem zur Jahrtausendwende geknüppelt haben - nur besser. Das darübergelegte Solo zeigt wieder deutlich, was für eine phänomenale Beherrschung ihrer Instrumente die Jungs vorweisen können.
Der eine oder andere wird nun sagen, dass man von einer solchen Truppe ja wohl zu erwarten hat, dass sie wissen, wie man eine Gitarre, den Bass oder die Drums bedient. Doch jeder, der mal versucht hat, die Songs der Band nachzuspielen, der wird schnell gemerkt haben, welche Komplexität sich dahinter verbirgt. Dann auch noch gleichzeitig zu singen und komplizierte Riffs in einer Geschwindigkeit zu spielen, dass einem vom Gucken schwindlig wird, das findet man in Zeiten, wo jeder den anderen lausig kopiert und am liebsten den Weg des geringsten Wiederstandes runterdudelt viel zu selten. Diese technische Präzision verleiht den Songs einfach eine Ebene, die keine Amateurband und nur wenige junge Musiker überhaupt erreichen können. Da steckt einfach ein ganzes Leben an Praxis dahinter.
Fazit: So, das ist nun der finale Absatz meiner Rezension und ich sitze hier völlig platt vor der Tastatur. Im Studio konnte man im letzten Jahr bereits die Größe des neuen Materials erahnen, nun aber wirklich die zuvor zig mal in ihrer Rohform gehörten Songs als fertiges Produkt in der Hand zu halten ist ein besonderer Moment - auch für einen Außenstehenden. Dazu kommt noch, dass im Allgemeinen seit 2010 es songtechnisch viel zu ruhig war in der deutschen Power - und Speed Metal-Szene. Bands wie Grave Digger und Helloween waren zwar durchwegs international on Tour, doch Gamma Ray oder Blind Guardian konnte man, wenn überhaupt, eher nur auf gut Glück mal erwischen. Doch 2013 und 2014 sind wieder die fetten Jahre für die Szene!
Zu Beginn des Jahres gab es zur Freude der Fans bereits von Helloween ein sehr gutes Album, welches jedoch vergleichsweise poppig ausgefallen ist. Wen das gestört hat, der sollte sich die neue EP von Gamma Ray unbedingt anhören und all jene dürfen in Vorfreude über das angekündigte Album schwelgen.
Als abschließende Wertung gibt es von uns 89 von 100 möglichen Punkten. Eine starke Leistung!
 
Score:
89% Hervorragend!

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