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Steven Wilson – The Raven That Refused To Sing

Kritik von: Michael Voit
Album-Cover von Steven Wilsons „The Raven That Refused To Sing“ (2013).
„Steven Wilson übertrifft sich selbst!“
Interpret: Steven Wilson
Titel: The Raven That Refused To Sing
Erschienen: 2013
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Da flattert doch tatsächlich schon wieder ein neues Output des Workaholics Steven Wilson in unsere Redaktion. Der Progressiv-Tüftler ist mittlerweile schon zur Ikone avanciert und somit längst aus dem Geheimtipp-Status herausgetreten. Zumal er ja eigentlich als Frontman und Mastermind der überragenden Progressiv-Formation Porcupine Tree alle Fäden in seinen Händen hält. Mit ihnen spielte er - bis zum heutigen Tag - zehn Studio-Alben ein - eines besser als das andere. Hatten sie sich zu Beginn noch eher der Pink Floydigen Seite des Progressiv-Rock verschrieben, wurde relativ schnell ein eigenständiger Stil gefunden. Und natürlich veröffentlichten sie auch unzählige Live-Alben, denn da erschließt sich einem die wahre Größe des "Stachelschwein Baumes" erst so richtig. Wer die Gruppe schon live erleben durfte, weiß wovon ich spreche. Allerdings schlägt Steven Wilson solo dann doch eher jazzigere Töne an, aber niemals ohne den progressiven Rock aus den Augen zu verlieren.
Sein Stil ist zwar nach wie vor erkennbar, verliert sich aber viel mehr in angedeuteten Jazz-Improvisationen. Die, so wie ich Wilson kenne, bis in die letzte Note durcharrangiert wurden. Zwei Alben sind mittlerweile erschienen: 2008 "Insurgentes" und 2011 "Grace for Drowning", die durchaus einen aufbauenden Charakter erkennen lassen. Wer als Porcupine Tree-Fan bei "Insurgentes" noch etwas verstört war, wurde auf "Grace for Drowning" dann für seine Geduld reichlich belohnt, und nebenbei noch ein Stück weiter in den jazzigen Kosmos entführt, den er auf dem aktuellen Release "The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)" perfektioniert hat.
Sozusagen die logische Fortsetzung. Zwischenzeitlich nahm er noch schnell mit Opeth-Chef Mikael Åkerfeldt ein Album, unter dem Namen Storm Corrosion auf. Das als finales Stück einer Trilogie anzusehen ist, der noch Opeth's "Heritage" und Wilsons "Grace for Drowning" zugeordnet sein sollen. Zudem hat er diesmal eine wirklich tadellose Band zusammengetrommelt, der der Ausnahme-Gitarrist Guthrie Govan, Bass-Gott Nick Breggs, Drummer Marco Minnemann, Keyboarder Adam Holzman und Flöten- bzw. Klarinettenvirtuose Theo Travis angehören. Spielte Wilson auf Album Nummer Eins noch eine Vielzahl der Instrumente selber, gab er, im Laufe der Zeit, seine Zügel langsam aus der Hand. Und natürlich tauchen auch eine Menge berühmter Namen, bei jedem Album auf: Wie Genesis-Urgitarrist Steve Hackett, Bass-Koriphäe Tony Levin, Dream Theater-Keyboarder Jordan Rudess oder Porcupine Tree-Drummer Gavin Harrison. Beim aktuellen Werk sogar noch Alan Parsons, der einen Gitarrenpart zu "The Holy Drinker" beisteuert und nebenbei noch als Associate Producer und Recording Engineer fungierte. Das alleine ist eigentlich schon Grund genug, dem Album auf den Grund zu gehen, das wundersamer nicht sein könnte.
Der Rabe verweigert also das Singen? Klingt stark nach einer reflexiven Selbstbetrachtung, die Herr Wilson hier durchmacht. Denn auf "The Raven That Refused To Sing" gehört dem Großteil der 55 Minuten, den, mal elegisch-schönen, mal knackig-jazzigen oder mal aufbrausend-rockenden Instrumental-Passagen mit Gänsehautfaktor. Dieses Album stellt definitiv einen weiteren Wendepunkt im Schaffen von Steven Wilson dar. Nebenbei gebührt ihm besonderer Respekt, dass er das aktuelle Album, mit seiner Band in nur sechs Tagen einspielte. Ohne Namen nennen zu wollen, aber in dem Zeitraum schaffen es andere nicht mal einen einzigen Song aufzunehmen. Die sechs spannenden und fordernden, aber ebenso aufregend-schönen Tracks - die irgendwo zwischen 5 und 12 Minuten angesiedelt wurden - sind laut Wilson Geschichten von Geistern und dem Übernatürlichen. Durch verschwimmende Songgrenzen schafft es die Band, diese ganz besondere Stimmung vor dem Hörer auszubreiten, und bietet sogar den ein oder anderen Schreck-, wie auch Überraschungsmoment. Los geht's mit "Luminol", das Wilson schon bei der letzten Tour, live gelegentlich anspielte. Das vom Bass getriebene Jazz-Rock-Biest, wurde mit Flöten und allerhand anderen Instrumentarien angereichert - einschließlich einer schwelgerischen Klavierpassage - die es abwechslungsreicher nicht machen könnten, aber auch immer wieder mit der nötigen Härte versehen ist.
Mittlerweile bin ich beim zweiten Titel angekommen, mit dem Namen….oh, immer noch "Luminol". Und so ergeht es mir dann über weite Strecken des Albums, zumal die eigentlichen sechs Nummern klingen, als wären es zwölf. Steven Wilson hatte schon immer konkrete Vorstellung und die setzt er auch vehement um. "Drive Home" - eines der beiden unbestrittenen Höhepunkte des Albums - schleicht sich behutsam an und wird, wie beinahe alles was Steve Wilson anfasst, ganz groß. Der Song verläuft sich in ein schier endloses Gitarren-Solo, das ausufernd und imposant zugleich dahingleitet und somit ein wenig an Porcupine Tree erinnert. Gelegentlich ist das Album so schrägen Stellen ausgesetzt, dass es beinahe weh tut, wie z.B. in "The Holy Drinker", aber nur um anschließend wieder im neuen Glanz zu erstrahlen. Nebenbei werden Flöten, Klarinetten, Saxophone und andere Gerätschaften, aus denen sich ein Ton herauspusten lässt, vorgeführt. Dadurch bekommt das Stück einen zügellosen und unbändigen Charakter, der bis zum Schluss fesselt. Und am Ende wird dann nochmal ordentlich abgerockt. "The Pin Drop" klingt mit seinen rasanten Progressiv-Ausflügen moderner und somit etwas untypischer, als der Rest des Albums. Nebenbei erinnert es streckenweise an die Klangpioniere von King Crimson. "The Watchmaker" hängt mir zu Beginn dann doch ein wenig zu sehr durch, da sich recht schwer entschlüsseln lässt, worauf der Song hinaus will. Bis er sich dann, mit einem Knall, selbst erklärt. Und ab da wird in gewohnter Erhabenheit, recht oft auch im Stile von Pink Floyd, weitermusiziert. "Sing to me Raven!" fleht Steven Wilson im Titelstück und gleichzeitig der aktuellen Auskoppelung - das mit seiner aufbauenden Dynamik, die in Glanz und Glorie endet - wohl das sakrale Highlight des Albums ist. Und nebenbei übrigens noch mit einem sensationellen Video aufwartet.
Nach viel zu kurzen acht Minuten ist der letzte Ton von "The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)" verklungen, und ich wage nicht einmal zu atmen, so überwältigt bin ich von dem eben Gehörten. Außerdem, wer weiß, vielleicht ist noch nicht alles gesagt und es kommt doch noch etwas, denn es finden sich auch allerhand fragile bis hin zu stillen Passagen auf dem Album. Thematisch wird in den opulenten, großteils balladesken Stücken die Vergänglichkeit, Fehlbarkeit, Verlustverarbeitung und die unausgesprochenen Gedanken zweier sich nahestehenden Menschen, die es nicht schaffen, über ihren Schatten zu springen, verarbeitet. Trotzdem gleicht alles einem Märchen, das mal mit luftig-lockeren und mal etwas sperrigeren Nebenhandlungen, das vorliegende Werk enorm bereichert. Schon jetzt ein ganz klarer Anwärter für das Album des Jahres 2013.
Kritik von: Michael Voit
Fazit: Wem Yes gefällt, Jon Anderson aber zu viel im Falsett trällert, Jethro Tull cool findet, aber ein wenig zu unrund rocken, Pink Floyd und King Crimson wegen ihrem Bombast verehrt oder die frühen Genesis mochte, der findet mit "The Raven That Refused To Sing" all das vereint, woran es bei den eben erwähnten Bands hapert. Steven Wilson egalisiert alle Schwachstellen und macht selber somit (beinahe) alles richtig. Der Mann schafft es immer wieder sich selbst zu übertreffen, und das dachte ich mir schon bei Porcupine Tree's Meisterwerk "In Absentia". Das liegt nun auch schon wieder 11 Jahre zurück. Er vereint zum wiederholten Mal progressiven Jazzfusion-Rock mit einem ordentlichen Headbang-Faktor und bleibt großteils atmosphärisch, anspruchsvoll und vor allem spannend. Natürlich macht das Album mit jedem Durchgang ein wenig mehr Spaß und, ja, auch glücklicher.
So atemberaubend waren selbst Porcupine Tree noch nicht! Nebenbei ist das Juwel auch noch als Deluxe-Edition zu haben, bei der auf CD 2 sämtliche Demo-Tracks enthalten sind, plus der nicht verwendeten Idee "Clock Song". Aber eigentlich ist jedes Wort, dass man über "The Raven That Refused To Sing" verliert, so oder so Zeitverschwendung - man MUSS dieses epochale Werk einfach hören.
Anspieltipps: Entfallen, da das Werk in seiner Komplexität als Gesamtkunstwerk betrachtet werden muss. Allerdings kann ich einen HÖRtipp anbieten: Ich empfehle dem Album mit Kopfhörern näher zu kommen, um seine Vielfalt angemessen auskosten zu können.

 
Score:
94% Höchste Kunst!

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