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Interview: Nachtgeschrei

mit Stefan Kolb vom 26. März 2013 via Phone
Es gibt kaum eine Band, die es im Verlauf ihrer Karriere geschafft hat, ein völlig stabiles Line-Up zu halten. Irgendwer wird immer spätestens nach den ersten Jahren aufgrund familiärer oder beruflicher Gründe dazu entscheiden müssen, die Band wohl oder übel, mehr oder weniger aus freiem Antrieb zu verlassen. Schön ist es dann natürlich, wenn solche Besetzungswechsel selten bleiben. Dann braucht die eingespielte Truppe nicht ständig Zeit dafür aufbringen, sich als Band nach jedem Line-Up-Change neu einzuspielen.
Eine der Bands, die ein ziemlich stabiles Line-Up haben, sind die Jungs von der deutschen Mittelalterrock/Folk-Band Nachtgeschrei. Seit ihrer Gründung im Jahre 2006 gab es bei dem siebenköpfigen Team nur insgesamt zwei Besetzungswechsel. Der erste im Jahr 2008, als Drummer Daniel Arncken durch den aktuellen Schlagzeuger Stefan Kolb ausgetauscht wurde und im Jahre 2012, als Sänger Holger Hotti Franz die Band verlassen musste. Ihm folgte dann Martin LeMar auf den vakanten Platz des Sängerpostens. Danach herrschte erst mal über Monate hinweg ziemliche Stille um die Truppe. Ist etwa etwas schief gegangen?
Nein! Die Jungs haben zwischenzeitlich ihr neustes Album Aus Schwärzester Nacht eingespielt. Zum ersten mal präsentieren sie sich nun mit einem neuen Sänger. Doch was musste zuvor im Hintergrund alles passieren, damit nun das von Fans gefeierte Album und auch noch eine komplette Tour aus dem Boden gestampft werden konnten? Wie ist es überhaupt im Allgemeinen für eine Band, ihr Gesicht zu verändern? Wie wirkt es sich auf den Sound aus? Ist so eine Musikgruppe für die Mitglieder tatsächlich wie eine Familie? Auf diese und viele weitere spannende Fragen, liefert uns Stefan Kolb ausführliche Antworten.
Viel Spaß beim Lesen!

Das Interview:

Alex: Hi Stefan! Wie geht es dir, wie ist das allgemeine Befinden?
Stefan: Um mein allgemeines Befinden ist es nicht schlecht bestellt! Ich habe gerade ein Probenwochenende hinter mir und mit meinen sechs Kollegen ziemlich viel Spaß gehabt. Ich freue mich darauf, dass wir endlich ab Mitte April mit den Konzerten loslegen können.
Alex: Euer neues Album „Aus schwärzester Nacht“ ist am 22.3. erschienen. Was kannst du uns dazu erzählen?
Stefan: Richtig, es ist am 22. erschienen und kurz vorher gab es die erste Single. Ich glaube das war zwei Wochen vor der Veröffentlichung, dass wir sie schon online präsentiert und zum Download zur Verfügung gestellt haben. Ich muss natürlich sagen, dass wir alle furchtbar nervös waren, weil mit dem Sängertausch nicht nur die Stimme, sondern auch das Gesicht der Band verändert wurde. Natürlich haben wir auch berechtigte Zweifel gehegt, ob das noch so weiter gehen kann, wie bisher. Wie wird Nachtgeschrei aussehen? Wie wird sich Nachtgeschrei anhören? Was wird passieren?
Wir wussten im Hintergrund, dass wir von sieben Musikern einen ausgetauscht haben, der eine tragende Rolle spielt. Aber die sechs restlichen sind immer noch die Gleichen und das wollen wir auf jeden Fall beweisen. Deswegen waren wir auch ziemlich aufgekratzt. Und ich muss schon sagen, dass seit Freitag, also seitdem das Album draußen ist, ich ständig begeisterte Emails, Anrufe, Facebooknachrichten, SMS oder was auch immer bekomme. Ich bin begeistert, wie begeistert die Leute sind und es ist ein bisschen wie Geburtstag, Weihnachten und Albumrelease an einem Tag. Ich glaube der Hammer hat eingeschlagen und wir freuen uns tierisch!
Alex: Wie du schon gesagt hast, wenn der Sänger gewechselt wird, dann ist das wie ein Gesichtswechsel der Band. Was passiert nun hinter den Kulissen, wenn zum Beispiel die Rhytmusfraktion ausgewechselt wird? Wie groovt ihr euch neu ein und was muss alles gemacht werden, was der Fan so gar nicht mitbekommt?
Stefan: Das ist ja insofern schon passiert, als dass ich vor Hotties Ausstieg die einzige Umbesetzung am Schlagzeug war. Ich glaube das ist damals so gewesen, dass ich einfach dazu gekommen bin, die Songs gelernt habe und gleichzeitig der ganzen Sache meinen eigenen stilistischen Stempel etwas aufdrücken konnte. Aber natürlich nicht zu markant ... wenn einer im Publikum steht, der selbst Schlagzeug spielt, der hat gemerkt, dass da jemand anders trommelt. Aber ansonsten gab es auch noch offizielle Mitteilungen und der Rest war einfach ein "Nach vorne und weiter".
Was der Fan davon wirklich mitkriegt? Die Leute, die sich intensiv damit auseinandersetzen, die sagen dass sie nicht nur Fans der Musik sind, die wollen auch mitkriegen, was mit den Leuten so los ist. Die kriegen sicherlich etwas mit. Ansonsten ist es bei den neuen Einflüssen, die man heraushört fraglich, ob man das direkt personifiziert argumentieren kann. Das wird wohl von Hörer zu Hörer unterschiedlich sein.
Alex: Mich persönlich würde es interessieren, wie man überhaupt den Stil eines Drummers von dem eines anderen unterscheiden kann? Für die meisten Leute ist das Schlagzeug ein Instrument, dass immer nur Bumba oder Pumpa macht ...
Stefan: Ja, das ist klar! Es gibt ja sogar Leute, die der Meinung sind, dass das Schlagzeug nicht mal ein Instrument sei. Ja Gott, ich lerne damit zu leben. Die unterschiedlichen Stilistiken? Ich denke das hört man auf jeden Fall irgendwo an dem Punch. Ich versuche halt akzentuiert auf die zwölfe zu spielen. Es gibt andere, die das dann eher filigran oder technikorientiert machen. Es ist immer so ein stilistisches Ding. Mein Stil ist eher aus dem Song dienlich und es darf auch gerne mal was auf die Nuss geben. Es soll einfach den Song voranbringen. Ich bin da keiner, der sich irgendwie profilieren will, indem ich da noch tausend Fills spiele oder hier noch mal ein Break und da noch mal aufs Becken haue. Da bin ich der Meinung lieber weniger, dafür besser. Das sind so Kleinigkeiten, bei denen ich mir denke, dass man es raushören kann.
Aber das muss jeder für sich selbst herausfinden, denn ich kann das nur schwer für alle beurteilen. Ich persönlich oder auch die Jungs in der Band sowie die Musikerkollegen, mit denen ich solche Sachen bisher besprochen habe, die haben mir den Eindruck vermittelt, dass man den Stil deutlich heraushört und dass man den Wechsel bemerkt hat. Ob jetzt besser oder schlechter, das ist erst mal völlig neutral.
Alex: Würdest du denn sagen, dass man in diesem Genre eine klassische Musikerausbildung haben sollte? Oder reicht es sich wie ein Dilettant alles selbst auf die Finger zu haun und dann direkt loszulegen?
Stefan: Wenn wir zwischen der klassischen Ausbildung und dem Dilettanten irgendwo eine Stufe schaffen könnten, dann würde ich die Szene dort sehen. Eine klassische Ausbildung ist im Prinzip durch nichts zu ersetzen, denn klassische Ausbildung bedeutet nicht gleich, dass du nur trockenen Theoriekram machst, so dass gewisse Grundlagen - sei es die Rhythmik, die harmonische Lehre oder was auch immer - dir die Möglichkeit geben beim Songwriting auf viele Details zu achten, was du als Dilettant, der sich alles selbst draufschafft, entweder nie wirklich oder nie hundert Prozentig erreichst, oder wofür du einfach sehr viel länger brauchst, eben um es aus der Erfahrung herauszuschöpfen.
Ich denke, wenn wir da irgendwo den Amateur oder den sehr motivierten Autodidakten irgendwo in der Mitte einfügen könnten, dann würde ich sagen, dass das als Basis ausreicht.
Alex: Du kennst doch sicher Herman Rarebell? Er hatte erzählt, dass er früher selbst vor dem Plattenspieler saß und aus den Songs seiner Idole jede Note herausgehört und daran sein Spiel entwickelt hat. Wo würdest du einen Mann mit seiner Karriere einordnen?
Stefan: Der Herman Rarebell ist ja sowieso ein ganz spezielles Beispiel. Unter Schlagzeugern unken ja einige, dass er nicht zu der Sorte Musiker gehört, die sich in jeden Song zu hundert Prozent reingebracht hat, um es mal diplomatisch zu sagen: mit ein bisschen Luft nach oben. Aber ich meine, ich selbst werde mir jetzt nicht anmaßen, das irgendwie zu beurteilen. Ich finde einfach, dass wenn ein Stück nicht mehr braucht, wozu soll man es dann noch vollballern? Der Herman hatte ja immer einfach gerade aus gespielt und er hat das richtige Timing besessen. Das Timing wirklich im Tempo zu bleiben erachte ich für wichtiger, als irgendwelche Solo-Shows abzuziehen. Von daher hat er einfach einen guten Job gemacht.
Wie gesagt, es geht halt darum das zu tun, was der Song erfordert. Da gibt es noch ganz andere Beispiele, wie zum Beispiel AC/DC. Da sagt man auch bei vielen Songs, dass man das doch in fünf Minuten zu spielen lernen könnte. Naja, es geht darum das Gefühl transportieren zu können. Und so einen billigen 4/4-Takt zum grooven zu bringen, das muss man auch erst lernen und das kann bei weitem nicht jeder.
Alex: Der Herman ist ja auch gar kein schlechter Songwriter! Viele wissen gar nicht, dass er der Co-Autor von Hits wie „Rock You Like A Hurricane“ ist ...
Stefan: Eben! Er hat dann noch Talente, dass er zum Beispiel gut arrangieren kann. Das Instrument, das du spielst muss ja nicht das sein, worauf du dich in Anführungszeichen reduzieren lassen musst. Von daher ist es eine coole Situation, wenn man seine Talente voll nutzen kann!
Alex: Interessant ist ja auch, dass gerade wo die Scorps die letzten drei, vier Jahre wieder so groß in den Medien waren, auch kaum irgendwo mal zu lesen war, dass solche erfolgreichen Songs auch Co-geschrieben worden sind.
Stefan: Ja, das mit dem Nennen, wer wirklich einen Song geschrieben hat, das ist innerhalb vieler Bands ein komisches Thema. Das wird gerne gänzlich verschwiegen oder auf die ganze Band gemünzt oder einzelne Personen. Da sind wir als Nachtgeschrei eigentlich relativ straight, dass wir beim Songwriting benennen, von wem die Grundidee kam und wer dabei war es auszuarbeiten. Also, im Prinzip ist es so, dass jeder Song bei uns von Nachtgeschrei als Band ist, weil jeder dazu beiträgt. Aber es gehört auch dazu zu sagen, wer den Löwenanteil geleistet hat, oder von wem die eigentliche Hookline, bzw. das Thema oder der Refrain kommen, die einen nachts nicht mehr loslassen. Das sollte man irgendwie kenntlich machen.
Alex: Gab es schon mal die Entstehung einer Melodie oder eines ganzen Songs in ungewöhnlicher Atmosphäre? Markus Grosskopf von Helloween hatte zum Beispiel mal eine gute Songidee auf einem malaysischen Klo ...
Stefan: Gut, ich bin zwar öfters mal aufm Klo, aber nicht in Malaysia! (lacht)
Also nein, es ist manchmal wirklich das aller komischste! Manchmal, da sitzt du im Auto und steckst im Stau und zack, schon hast du eine Melodie im Kopf. Dann weißt du nicht wohin damit und dann musst du dir dein Telefon nehmen oder etwas, womit du die Möglichkeit hast etwas aufzunehmen. Es ist ja oft so, dass du die Idee zum Greifen nahe hast und zack ist sie wieder weg. Das wichtigste ist, dass du immer die Möglichkeit hast, es irgendwie zu konservieren - ob es nun die Memo-Funktion auf dem Handy ist, oder ich einen Zettel bei mir habe, um schnell mal einen Beat aufzuschreiben. Das habe ich letztens erst in einem Interview erzählt, dass es klasse sei, dass wir wenigstens zu Hause technisch die Möglichkeit haben unsere Ideen mitzuschneiden. Wenn du wirklich gute Ideen hast, dann zwingst du dich auch dazu mal morgens um drei aufzustehen, es kurz aufzunehmen, bevor es verloren geht.
Und zu den skurrilen Entstehungsgeschichten ... ich hätte jetzt keine mit einem richtigen Mehrwert, was den Situationseffekt angeht. Aber es ist manchmal so, dass - was ich so faszinierend finde - wir zusammen sitzen und einer dudelt eine Idee oder spielt etwas vor und ist dann kurz davor es wegzuschmeißen. Dann kommt ein anderer und sagt: Um Gottes Willen, das ist ja scheiß geil! Du brauchst halt manchmal diese zweite Meinung, die dir sagt, dass es gut ist. So sind schon einige Riffs oder Ideen gerettet worden, die sonst einfach im Papierkorb gelandet wären.
Alex: Und wie wichtig sind euch zum Beispiel die Meinungen der Fans und der Presse?
Stefan: Die sind wichtig und nicht zu unterschätzen. Okay, es ist irgendwo auch wichtig zu sagen, dass man die Musik macht, weil es einem Spaß macht. Und wir wollen uns da auch irgendwo nicht reinreden lassen. Aber auch manche Dinge reagiert man automatisch, ob man's will oder nicht ...
Wir sind auch immer interessiert daran, vor allem, wenn eine neue Scheibe draußen ist, zu sehen, was die Favoriten der Fans sind, was sie gerne live hören wollen, etc. Das muss nicht heißen, dass wir es eins zu eins umsetzen, aber es ist doch immer schön Feedback zu bekommen und es als weiteren Einfluss zu verwerten.
Alex: Gab es denn schon mal ein Feedback in einer so professionellen Form, dass ihr es gleich umsetzen wolltet?
Stefan: Oh, das ist eine interessante Frage! Feedback in professioneller Form gab es eigentlich eher weniger zum Songwriting oder zu einzelnen Songs. Als wir aber damals mit Subway on Tour waren, da haben wir von Eric Fish nach dem ersten Auftritt ein Feedback bekommen - das war in Neu-Isenburg damals. Und dieses Feedback war: „Ja Jungs, ihr müsst auf der Bühne ein bisschen mehr machen!“ Und damit hat er vollkommen Recht gehabt und auch einen sensiblen Nerv bei uns getroffen. Von da an haben wir uns bezüglich der Auftritte ein bisschen mehr abgesprochen. Ich möchte ungern das Wort Choreografie in den Mund nehmen, aber es geht halt darum, dass man sich abspricht, wer welche Räume auf der Bühne besetzt und welcher Song ist dazu geeignet, dass man die Leute wirklich dazu animiert aktiv zu werden. Oder welcher Song ist vielleicht gar nicht geeignet? Eben solche Dinge ...
Wir haben damit dann wirklich angefangen und die restlichen Shows dieser Tour gefilmt. Wir haben uns dann selbst nachts im Tourbus, während wir gefahren wurden, hingehockt und haben das reflektiert. Wenn wir jetzt von professionellem Feedback reden, dann ist das wohl das, was uns am meisten gebracht hat, da wir dadurch die Shows effektiv verbessern konnten.
Alex: Was mir beim Rock und Metal auffällt ist, dass selbst viel großartige Musiker, die oft als Einfluss junger Bands zitiert werden, auch im Alter noch ihre musikalischen Idole haben, die sie zum Teil wie ein junger Fan anhimmeln. Welche Erfahrungen hast du auf diesem Gebeit gemacht? Hast du auch solche Idole?
Stefan: Naja, ich habe Vorbilder, was das Spielen und natürlich auch was die Performance auf der Bühne angeht, aber auch beim Input für das Songwriting. Ich finde man sollte da klar unterscheiden: Habe ich jemanden, der mich stilistisch beeinflusst, oder ist da jemand, den ich Personenkultmäßig vergöttere? Und davon bin ich zum Glück schon weg. Also ich denke als Teenager, da stand ich vor solchen Situationen, aber da habe ich die Bremse noch ziehen können. Ich glaube da muss man ein wenig differenzieren.
Aber ich finde es witzig, dass du es von den richtig Großen unterscheidest, denn was mir auch immer wieder beim Metal oder bei gitarrenorientierter auch härtere Musik auffällt ist, dass wenn du jemanden findest, der jemanden vergöttert, dass der Typ dann zu 99% auch ein Instrument spielt. Das ist bei den anderen Musikrichtungen, so wie ich es bisher erfahren habe, nicht so. Was meine persönlichen Einflüsse angeht, ist ganz klar, dass ich meine Lieblingsbands und Lieblingsdrummer gehabt habe. Und für den Anfang heißt es ja: Klau was du kannst und mach deinen eigenen Kram draus.
Naja, ich habe in meinen ersten Jahren als Schlagzeuger im Keller gehockt und alles von Metallica nachgespielt. Auch habe ich Van Halen nachgespielt oder über die Kopfhörer die volle Dröhnung Sepultura gehabt. Also auch eine sehr skurrile Mischung ... das hat dann auch den eigenen Stil geprägt.
Alex: Und jetzt bist du genremäßig ziemlich weit weg von dem, was du so damals im Keller gespielt hast.
Stefan: Das ist richtig, ich habe auch Anfangs - Angst klingt jetzt vielleicht etwas falsch -, aber ob man die ganze Schose jetzt Mittelalterrock oder Folk Metal nennt, ehrlich gesagt hatte ich gar nichts damit am Hut. Und in die Band bin ich gerutscht, weil ich Oli und Tilman schon sehr lange kenne. Die haben auch damals mit mir gesprochen, als der Schlagzeugeraustausch stattfand. Ich sagte mir dann einfach: „Das probierst du mal aus!“ Die Gitarrenmusik, also alles was laute Gitarren hat, war schon immer mein Ding. Dann sagte ich mir: „Gut, jetzt hast du halt noch zwei Leute dabei, die Akkordeon, Drehleier, Dudelsack und so weiter spielen ...“
Da bin ich jetzt auch voll drin und kann mich mit den Sachen, die wir machen, sehr schön identifizieren. Ich habe Spaß dran, weil irgendwo wird das zum Beispiel beim Sänger einen Unterschied machen, denn er muss wahrscheinlich etwas mehr in der Musik drin sein, als ein Instrumentalist. Als Instrumentalist, da entwickelst du einfach irgendwann einen Ehrgeiz, dass du es an deinem Instrument gut machen willst, dass du einfach gute Leistung liefern willst. Ich glaube das ist eine kleine und feine Unterscheidung, aber nicht brachial.
Alex: Der Michael Schenker, der sieht in der Musik etwas Übergeordnetes. Bei ihm hat jeder Mensch eine eigene klangliche Farbe und jetzt wo du es ansprichst, dass du von den eher thrashigeren Sachen nun zu Nachtgeschrei gekommen bist, würdest du sagen, dass du so "vom Universum" auf einen Platz geführt wurdest, an den du hingehörst?
Stefan: Ich kann mich damit identifizieren, dass ich sage alles hat einen tieferen Sinn. Dass man halt immer wieder an irgendwelche Weggabelungen kommt, dass wenn man sich entscheidet, es natürlich tiefgreifend ist, und dass es in dem Moment halt einfach so sein sollte. Von daher glaube ich, dass es in diesem Moment einfach so sein sollte. Dass ich diesen Traum, den ich als junge hatte leben kann und mit vielen Mitmusikern eine tolle Zeit habe, auf vielen Bühnen spiele und einfach viel mit sehr interessanten und angenehmen Leuten zu tun habe. Ich denke, dass man da sogar ein bisschen von so einer Überordnung sprechen kann, dass das so das eigentliche Ziel war und ich vorher hier und da falsch abbog.
Alex: Siehst du denn Musik als etwas spirituelles?
Stefan: Musik in seiner Allgemeinheit hat für mich ganz ganz vielleicht etwas spirituelles, weil .. naja, ich bin weit davon entfernt hier irgendwelche Räucherstäbchen anzuzünden oder meine Duftöle zu verteilen, aber Musik ist für mich eigentlich schon ein höheres Gut, weil es sehr viele Emotionen beinhaltet. Man muss sich manchmal nur vor Augen halten, wie man sich durch verschiedene Songs, die man hören kann, in Stimmung zu versetzen vermag.Bin ich jetzt traurig und will ich das noch fördern, indem ich mir eine Schnulze anhöre? Oder bin aggressiv und höre mir eine Nummer an, nach der ich das Geschirr aus der Küche rauswerfe? Oder höre ich einfach einen Song der dafür sorgt, dass ich während der nächsten Viertelstunde verdammt noch mal einfach eine gute Zeit habe? Und das lässt sich alles steuern.
Ich bin wirklich sehr dankbar dafür, dass ich auch die Möglichkeit habe, auf der anderen Seite zu sitzen und dem ganzen in der Musik zusammen mit meinen Bandkollegen den eigenen Stempel aufzudrücken. Das gemeinsame Musizieren ist für mich auch etwas, was einen mit den Leuten so stark verbindet, dass ich der Meinung bin, dass das einen nie wieder los lässt. Dazu gehören zum Beispiel ganz tiefe Freundschaften zu Leuten, mit denen ich im Alter von Vierzehn Jahren angefangen habe. Wir hatten uns so gut auf einander eingespielt, dass wir mit geschlossenen Augen Musik spielen oder eine neue Idee anspielen konnte. Keiner wusste wo es endet, aber jeder wusste, wo er mit dem anderen gleichzeitig einen Wechsel machen musste. Deswegen bin ich schon der Meinung, dass da etwas höheres dahinter steht.
Alex: Es gibt ja auch Bands, die seit über 50 Jahren aktiv und Freund sind. Das ist ja eigentlich schon ein ganzes Leben.
Stefan: Ich glaube im Falle der Bands, die du meinst, ist das schon etwas mehr als ein ganzes Leben! Es ist schön, dass die es so lange durchziehen konnten. Und ich denke bei denen hat man auch den Eindruck, dass es nicht auf die Kohle ankommt. Deshalb werden die es machen, weil sie immer noch Spaß dran haben ... oder vielleicht weil die Frau zu Hause sagt: „Hey, ich kann dich nicht mehr sehen, sieh zu dass du auf Tour gehst!“ Das möchte ich dann nicht so genau wissen … (lacht)
Alex: Wie authentisch können denn deiner Meinung nach solche Rock-Opas sein? Zumindest früher ist das ja eine Jugendmusik gewesen ...
Stefan: Das ist richtig, wobei ich finde, dass man es in eine gewisse Altersstufe transponieren kann. Irgendwann kommst du dann in so'ne Phase rein. Wenn wir von diesen so betitelten Rock-Opas sprechen wollen, dann nehmen wir doch mal die Stones, die seit hundert tausend Jahren auf der Bühne stehen. Die sind insofern noch authentisch, weil sie zeigen, dass sie dieses Leben schon immer so gelebt haben, nichts anderes kennen und auch nichts anderes wollen. Die machen ja auch keinen Hehl draus, dass sie sich musikalisch nicht neu erfinden, die machen das was sie können und das was sie können machen sie nicht schlecht. Es wäre für mich jetzt weniger authentisch, wenn sie versuchen würden mit der Brechstange irgendwelche anderen Stilistiken einzubauen, die einfach nicht funktionieren würden.
Man muss sich dann ja auch ml im Publikum umschauen, denn das ist auch die - nennen wir sie mal Generation 50+, die da gerne hingeht und das finde ich super. Man hat ja auch irgendwo gerne einen festen Wert im Leben, denn alles ändert sich schnell und ständig. Und wenn dir so eine Band über Jahrzehnte einfach das geben kann, was dich gut fühlen lässt, dann ist das doch perfekt?
Alex: Als ich mit Stu Cook von Creedence sprach, erzählte er, dass er mit Doug Clifford die Band Creedence Clearwater Revisited in den Neunzigern gestartet hat, um unserer Generation die Möglichkeit zu geben, uns einen Eindruck davon zu machen, was sie damals mit Creedence Clearwater Revival auf die Beine gestellt haben. Was hältst du davon?
Stefan: Ich finde es interessant und gerade in dem Fall schön, weil ich Creedence auch ziemlich geil finde. Dass die Bands rechtzeitig die Leine ziehen, bevor sie sagen, dass das nächste Album nur blöder Mist wird und sie nichts zustande kriegen, oder es geht in eine Richtung ,die ihnen nicht gefällt. Erstmal Hut ab, wenn Bands das selbst erkennen ... das ist schon mal sehr viel wert und spricht für die Leute. Und eins ist klar, ich glaube, das muss man nicht nur auf die Musik beziehen. Wenn man mit etwas aufhört, was man gerne gemacht hat und was man gemacht hat bis zu dem Punkt, wo es einfach am Schönsten war denkt man oft und gerne daran zurück. Dann bist du irgendwann auch in der Situation, wenn ein paar Jahre oder auch Jahrzehnte ins Land gezogen sind, dass du denkst: „Ach, sollen wir nicht nochmal?“
Die sechziger und siebziger waren musikalisch auch eine Zeit, in der vom Anspruch her sehr viel passiert ist. Von daher finde ich es gut, wenn sich solche Bands nochmal zusammen tun und den Leuten von heute zeigen, wo der Hammer hängt. Ich finde auch, dass Bands dieser Generationen noch mehr die Fähigkeit haben den Leuten rüberzubringen, wie viel Spaß es macht und wie stark es verbindet ein Instrument zu spielen. Da muss man ja nur mal in die Charts gucken! Ich will das jetzt nicht schlecht reden, aber was ich so ein bisschen vermisse ist, dass Instrumentalisten gefördert werden, denn manchmal habe ich das Gefühl, es geht mehr drum, wie man aussieht und wie man tanzen und vielleicht auch noch so ein bisschen wie man singen kann. Da würde ich sehr gerne mal wieder andere Prioritäten sehen.
Alex: Heute braucht man ja nur noch einen Computer, um Musik zu machen ...
Stefan: Genau, vielleicht noch einen PR-Berater und dann hast du es schon fast!
Alex: Ja, für den Computer ... ich glaube es war Francis Rossi, der sagte, dass er in der Zukunft nur noch Computer anstelle von Musikern auf der Bühne sieht. In einer anderen Horrorvision werden Musiker nur noch aus dem Probenraum per Leinwand und Beamer in die Venues kommen. Ziemlich steril, oder?
Stefan: Ich glaube das würde keinem Musiker gefallen, weil Konzerte zu spielen und die Publikumsreaktionen genau das sind, worum es geht. Und außerdem ist es von wirtschaftlicher Seite so, dass du über die Konzerte die Möglichkeit hast mit Merch zumindest ein bisschen Geld zu verdienen. Ich glaube das wird sich nicht so schnell ändern ... aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Du kannst die Tür öffnen, auf die Straße gehen und überfahren werden. Von daher, wir werden es sehen. Ich will zusammen mit meinen Bandkumpels auf jeden Fall alles dafür tun, dass es sich nicht in diese Richtung entwickelt.
Alex: Naja, trotzdem bliebt es eine Entwicklung zu der es kommen könnte. Wie würdet ihr damit umgehen, wenn es tatsächlich zu so einem Trend käme?
Stefan: Hier ist es natürlich sehr leicht zusagen, dass man so rebellisch ist und sich dem Trend nie beugen wird. Letztendlich ist es aber immer eine Frage von Angebot und Nachfrage. Wir brauchen natürlich Leute, die auf Konzerte gehen wollen und da eine Nachfrage schaffen. Dann können die Clubbetreiber auch sagen: „Die buchen wir!“ Wenn so etwas wegbricht ... gut, dann stehen wir da und müssen uns überlegen, was wir machen. Wenn das dann tatsächlich die einzige Option ist, solche Übertragungsdinger zu machen, dass du dann sagst du spielst an einem bestimmten Ort und der Rest kriegt es nur gestreamt, dann gestehe ich mir wenigstens die Freiheit ein zu sagen, dass ich es ausprobieren will. Und dann kann man gucken, ob es geht oder nicht. Wenn es nicht geht, dann muss man gucken, wie es weiterläuft. Vielleicht akufe ich mir ein Rad und mach sonst irgendwas? Keine Ahnung! Wie gesagt, das wäre zwar nicht meine Richtung, aber wir sollten es, wenn es wirklich dahin geht, es zumindest versuchen. Ich möchte nichts großartig verurteilen, bevor ich es nicht wenigstens mal ausprobiert habe.
Ich glaube, dass es nach wie vor noch genug Leute gibt, die sich ein solches Erlebnis nicht verderben lassen wollen. Was ich selbst als Konzertgänger immer wieder feststelle und ganz schrecklich finde ist, dass wenn du hinten im Publikum stehst, man durch die Handydisplays nichts mehr sieht. Das sind so Situationen wo ich mir denk: „Leute kauft euch die DVD, aber filmt hier nicht alles mit.“ Das sind auch vergleichbare Entwicklungen. Und wie gesagt, wir wissen nicht, wohin es gehen wird. Schauen wir einfach mal und hoffen, dass es gut laufen wird.
Alex: Gab es denn für dich mal ein Konzert, bei dem du so ein echtes "Aha"-Erlebnis hattest?
Stefan: Ich habe ja schon einige Konzerte gesehen und ich bin auch sehr dankbar dafür, dass ich so viel verschiedenes sehen konnte. Um jetzt mal in der ganz schmutzigen Wäsche zu waschen, ich habe sogar schon solche Sachen wie Mariah Carey angeschaut. Bei der Christina Aguilera war das ein faszinierendes Konzert, die hatte eine richtig gute Leistung gehabt. Mich hat eigentlich alles fasziniert, wo ich gemerkt habe, dass die Musiker auf der Bühne ihren Spaß hatten. Es gibt auch auf jeden Fall noch ein paar Sachen, die ich gerne sehen möchte. System of a Down zum Beispiel, die es ja auch wieder gibt ...
Alex: Alles klar, sehr interessant! Wir kommen so langsam auch schon zum Ende des Interviews. Hast du vielleicht noch ein paar Worte zur Zukunft der Band?
Stefan: Zur Zukunft der Band? Ja, ich hoffe, dass wir uns in einem halben oder in einem Jahr zusammen setzen können, um diese Zeit zu reflektieren und auch zu sagen, dass das ein Wendepunkt nach oben war. Natürlich, man streckt immer den Arm aus und möchte etwas mehr erreichen und wir haben auch schon eine etwas längere Durststrecke hinter uns, in der viele Leute berechtigt gedacht haben: Mensch was machen die denn, warum sie so lange? Aber es war einfach viel zu tun im Hintergrund, Strippen ziehen, vorbereiten, Martin einspielen also Martin auf uns einspielen uns auf Martin einspielen. Das hat super geklappt.
Jetzt wollen wir einfach nur noch nach vorne und allen zeigen, wie viel Spaß wir daran haben und hoffen natürlich, dass die Leute zusammen mit uns Spaß dran haben. Deswegen möchte ich auch stellvertretend für die Band all den Leuten danken, die zusammen mit uns diese Durststrecke durchgestanden haben. Das ist uns sehr viel Wert und wir freuen uns sehr drauf, all die Leute wiederzutreffen.
Alex: Ein schönes Schlusswort! Vielen Dank für das Interview und für deine Zeit!
Moderation: Alexander Kipke
Wer in das aktuelle Album „Aus Schwärzester Nacht“ von 2013
reinhören möchte, kann dies hier tun:
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