Metal Trails Music Magazine | Metal Rock Punk Folk Pop and Alternative Music

Baby Universal – Slow Shelter

Kritik von: Michael Voit
Album-Cover von Baby Universals „Slow Shelter“ (2013).
„'Slow Shelter' ist der ideale Soundtrack für einen verregneten Sonntagnachmittag.“
Interpret: Baby Universal
Titel: Slow Shelter
Erschienen: 2013
Es gibt vermutlich nicht viele Bands, die so mutig sind, und ihr Album mit den Zeilen "Bring me all the Dead, Bring me what you have…" eröffnen, und dabei weder Jim Morrison im Line-Up haben, geschweige denn, im Death- bzw. Black-Metal-Bereich tätig sind. Ganz im Gegenteil, das 2007 gegründete Projekt Baby Universal spielt sich, mal locker, mal verklemmt durch ihren aktuellen Indie-Rock-Longplayer, der alles ist, nur nicht "Metal". Nach dem stark limitierten Debüt - das analog auf alte Bandmaschinen eingespielt wurde und daher folgerichtig den Weg auf Vinyl fand - folgte ein Live-Album, mit dem sich ein langgehegter Traum erfüllte. Leider zerbrach die Band nach den Aufnahmen, und Baby Universal schrumpfte auf ihre zwei Masterminds Cornelius Ochs und Hannes Scheffler zusammen.
So wurde auch das vorliegende Werk "Slow Shelter" eingespielt und dabei noch ordentlich in der Nostalgie-Kiste gewühlt. Musikalische Zitate der Doors, der frühen Depeche Mode, Neil Young, Talk Talk, Ennio Morricone oder Madrugada - womit sich der Kreis eigentlich wieder schließt - sind nur einige Beispiele, des bunten Spektrums der Band. Ganz frech wurde sich für "Pale Horse Pale Rider" bei dem flimmernden Wüstensound von Calexico bedient, und in dunkler Jim Morrison-Theathralik darüber philosophiert. Bei "Cry Battle" werden Crosby, Stills, Nash & Young zu Tisch gebeten, und freundlich von Broken Social Scene aus dem Hintergrund unterstützt. Eigentlich eine recht Interessante Kombination, wenn auch ungewöhnlich. Das Album versprüht generell eine Art Retro-Feeling, gepaart mit rustikaler Romantik, denn die Texte handeln teilweise von Tod, Grabsteinen, Verderben, Dämonen und Teufeln, wurden aber in luftige Pop-Songs verpackt. Sehr skurril, hat aber durchaus auch Charme. "Save me (From Myself)" wurde mit euphorischen "Hu-Hu-Chören“ versehen, die dummerweise ein Jugendtrauma bei mir wieder aufleben lassen: Vielleicht erinnert sich noch jemand an den Nervtöter "I wanna sex you up" der Neunziger-R&B-Faserschmeichler Color Me Badd. Darin werden die eben erwähnten Chöre, in ganz einer ähnlich Konstellation verwendet. "Chrystal Clear" plätschert dann etwas unscheinbar dahin, bis es gegen Ende mit einem spannenden Mundharmonka-Part überrascht.
"False Profits" legt einen verspielten Schleier, in Form des betrunken-dahingroovenden Klavier-Schunklers über das Album, dessen Höhepunkt unbestritten die beigemengte Klarinette ist, die dem Titel die nötige Authentizität verleiht und zusätzlich einen leicht jazzigen Hauch einflechtet. "Guitar" klingt wie ein verloren geglaubtes Stück des Neil Young Meisterwerks "Harvest Moon". Mit seinem schwülstigen Sound weiß es einzulullen, wie es sonst nur "Onkel Neil" fertig bringt. Und dann zieht ein Gewitter in Form von "Missing" auf. Jetzt wird erst mal richtig abgerockt. Der treibende Song zählt wohl zu den Höhepunkten des zweiten Studio-Albums von Baby Universal. Äußerst stimmungsgebend ist auch der Männerchor, der perfekt hinter das Gitarrensolo platziert wurde. "Hey Man don't lose your fire, your Pain and your Desire, Hey Man don't loose your fire!" flehen sie im gleichnamigen Stück, bei dem alles so wunderbar zusammenpasst, inklusive der fragil eingesetzten Gitarrenparts. "Naked and Crying" bildet dann das Schlussstück, das mit seinen sieben Minuten, deutlich länger ist, als die restlichen Nummern. Man kann nur hoffen der Titel ist nicht Programm, und die Truppe bringt zum Schluss nicht noch einen Abgesang. Nein tun sie nicht, denn das Lied vereinnahmt Raum und Zeit und gleicht eher einer Geburt, wie man anhand des stetig aufbauenden Charakters recht gut nachvollziehen kann. Von Minute zu Minute finden mehr Instrumente ihren Weg ins Stück, die Melodien werden stärker und die Darbietung kraftvoller. Das Teil benötigt einfach seine Zeit, um sich entfalten zu können. Was übrigens auf das gesamte Album übertragen werden kann. War ich beim ersten Durchlauf noch etwas enttäuscht vom lapidaren Sound, wurde der Eindruck mit jeder neuerlichen Runde gefestigter. Also wieder eines dieser Werke, mit dem man wachsen kann, wenn man sich nur darauf einlässt.
Fazit: "Slow Shelter" ist der ideale Soundtrack für einen verregneten Sonntagnachmittag geworden. Das mittlerweile dritte Output der in Halle beheimateten Band bietet eine recht interessante Retrospektive von nicht ganz so gängigen Bands. Baby Universal bestreiten darauf einen effektiven und erkennbaren Weg, sind aber noch lange nicht am Ziel angelangt. Verträumt, melancholisch, düster aber auch mal frisch rockend, zeigen die Zwei recht eindrucksvoll, dass nicht immer eine Band hinter guter, handgemachter Musik stehen muss. Ein ganz besonderes Augenmerk liegt hierbei auf den Texten, die gerne philosophische, aber auch bedrückende Ansätze bieten, und zu einem Blick hinter die Kulissen anregen.
Anspieltipps: Special Force, Cry Battle, False Profits, Guitar, Missing

 
Score:
76% Gut.

Kommentare von Besuchern


Das Verfassen neuer Kommentare ist derzeit deaktiviert.

Nicht genug?

Diese Magazininhalte könnten dich ebenfalls interessieren!
Kategorie:
Interviews
Bilder
Reviews
Login
© 2010 – 2024 Metal Trails