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Delain – We Are The Others

Kritik von: Arne Luaith
Album-Cover von Delains „We Are The Others“ (2012).
„We’re The Outsiders – But You Can’t Hide Us!“
Interpret: Delain
Titel: We Are The Others
Erschienen: 2012
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Wie die Zeit rennt! Satte 3 Jahre ist es nun schon wieder her, dass Delain – damals eine der jungen Hoffnungen am Horizont des ausgebrannten symphonischen Metals – ihr zweites Album „April Rain“ veröffentlichten und damit einen nicht unbeträchtlichen Erfolg einfahren konnten. Anno 2012 folgt mit „We Are The Others“ der dritte Abkömmling der Niederländer und verspricht, so einigen frischen Wind in das angestaubte Genre zu wehen. Ob das gelingt?
Zunächst fällt auf, dass sich Sängerin Charlotte Wessels stimmlich hauptsächlich in tieferen Registern bewegt als noch zu „April Rain“-Zeiten. Dadurch wirkt die Musik im Ganzen etwas dunkler und plastischer. Tatsächlich empfand ich persönlich ihre jazzigen Leadvocals immer als sehr angenehmen Kontrast zum sonst eher soprangeprägten Genre. Wer Opernstimmen sucht, der wird aber wohl auch in Zukunft eher zu Tarja oder Epica greifen. Stimmlich kommen die Vocals abwechslungsreich wie nie daher und sind gleichzeitig immer mit einem recht brustigen Grundvolumen unterlegt. Selbst in den Balladen des Albums drückt Charly die Töne mit einer ordentlichen Prise „Power“ heraus, die man so nicht unbedingt erwarten würde. Dabei verleiht ihr recht kerniges Timbre den Songs einen ganz individuellen Anstrich. Wie schon auf den Vorgängeralben schaffen es Delain gekonnt, die ausgelutschten Stereotypen des melodischen Symphonic Metals zu umschiffen und einen frischen, unverbrauchten Klang abseits der 08/15-Rezeptur zu kreieren.
Was dem 2009er sein „April Rain“, das ist dem Metalhead im Jahre 2012 sein „We Are The Others“. Nicht nur im Bezug auf das Album sondern insbesondere auch unter Begutachtung der gleichnamigen Titeltracks. Binnen weniger Sekunden ist all das wieder da, was man sich von einem Delain-Album nur wünschen kann: Das Piano-Intro, welches sich nach kurzer Zeit in einen wahren Sturm an Keyboardsalben auflöst, die hauptsächlich von Charlys Stimme getragenen Strophen und die bombastischen Refrains mit Mitsing-Chorus. Über alledem fällt besonders die enge Verflechtung von Musik und Leadstimme auf. Die Instrumente drängen sich nie in den Vordergrund. Sie begleiten den Gesang, unterstützen ihn und heben ihn auf atmosphärische Höhen an, ohne ihn jemals in ihrem Klangwald zu ertrinken. In Zeiten epochalem Nightwish-Sounds an jeder Straßenecke bleiben Mastermind Westerholt und sein Trupp einer angenehm bodenständigen Instrumentierung treu, obgleich die modebedingten orchestralen Schallgewitter auch auf „We Are The Others“ ihre Spuren hinterlassen. Insgesamt dreht sich aber auch beim dritten Album der Band die Musik wie nie zuvor um das Stimmtalent ihrer Frontfrau – und das tut dem Album verdammt gut!
Lyrisch bewegen sich Delain dabei auf hohem Niveau mit einen Ausbrüchen. Zwar fallen die Songs insgesamt etwas düsterer aus als auf den Vorgängern, was dem Longplayer insgesamt einen erwachseneren Touch verleiht, dafür vergreifen sich die Holländer aber hin und wieder doch etwas im Wortlaut. Nahe an der Grenze des Erträglichen kratzt da beispielsweise die Ballade „I Want You“ mit ihrem pathos-strotzenden Text. Da schmachtet der sympathische Rotschopf am Mikrofon:
„I want you so bad! I want you!
I want to hold you, Babe. You Look away, what did I say? I want you!“
Grausig und unerwartet plump, trotz der sarkastisch-psychopathischen Auflösung des Songs. Dem einen oder anderen mag derart plakativer Kitsch vielleicht gefallen. Wer dagegen Schnulzen mit Niveau vorzieht, der bleibt doch lieber bei einem “See Me In Shadows” vom Erstlingswerk “Lucidity” von 2006. Dem gegenüber stehen die seltengenialen Lyrics eines „We Are The Others“. Der in gefühlten 500 Interviews über das letzte Jahr sezierte Titeltrack des Albums ließ sich vom Fall Sophie Lancaster inspirieren – einem Mädchen, das in England 2007 gemeinsam mit ihrem Freund von Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde, mutmaßlich auf Grund ihres Goth-Looks. Die balladeske Power-Hymne entwickelt sich mit einer der eingängisten Hooklines, welche von den Niederländern jemals geschrieben worden sein dürfte, zu einem brachialen Mutmacher für jeden, der sich einsam, ausgeschlossen, „anders“, unfair behandelt oder in irgendeiner Weise fehl am Platze fühlt:
„We are the others! We are the outcasts!
We’re the outsiders – but you can’t hide us!“
Emotionen in Musik gegossen – ganz große Kunst! Leider sind solche Tracks eine Ausnahmeerscheinung und nicht wirklich repräsentativ für das ansonsten grundsolide, aber eben auch nicht wirklich revolutionäre Album. Böse Zungen würden dem Track wohl wieder mal eine Anbiederung an den Mainstream attestieren; die Polemikkeule Nummer 1 im nie endgültig ausgefochtenen Trve Metal-Krieg. Aber selbst wenn der Song einige der eingängigsten Melodiebögen des Albums beinhaltet – er ist und bleibt einfach gut.
Fazit:
Was bleibt nun insgesamt? Ein sehr solides Drittwerk, auf das die Holländer stolz sein können! Charlys Stimme kommt vielseitiger und emotionaler daher als jemals zuvor, und auch insgesamt sind die Niederländer experimentierfreudiger geworden. Sie verweben gekonnt neue stilistische Einflüsse in ihre Musik, ohne den typischen Delain-Sound hinter sich zu lassen. Dabei fühlt sich der Sound der jungen Band auffallend unverbraucht an, insbesondere weil das Erfüllen der typischen Klischée-Merkmale auf Genregiganten wie Nightwish abgewälzt wird und sich die markante Gesangsstimme der Frontfrau in keinen stilistischen Rahmen sperren lassen mag. Einige Ausfälle im Songwriting zehren zwar an der Gesamtwertung, seien unter der Menge an guten Tracks und Angesichts des Fehlens echter Filler dann aber gerne verziehen.
Hier wird kein Genre revolutioniert, hier wird das Rad nicht neu erfunden – hier wird einfach gute Musik auf hohem Niveau und in bester Handwerkskunst geboten, die zu begeistern weiß. Für Freunde hochmelodischen Metals mit weiblicher Gesangsstimme eine absolute Empfehlung!
Anspieltips: We Are The Others, Are You Done With Me?, Generation Me
Übrigens – Wer die Band näher kennenlerne möchte, der sollte einen Blick auf unser jüngstes Video-Interview mit Sängerin Charlotte Wessels vom 26. April 2012 werfen! Wir haben uns im Rahmen der We Are The Others European Tour 2012 fast eine halbe Stunde Zeit genommen, um mit ihr über die Tour, das Album, den Songwriting-Prozess und einiges mehr zu sprechen.
 
Score:
77% Gut.

Kommentare von Besuchern

6. Juni 2012, 17:18
Stefan sagt:
Das jedem das gefallen darf, was ihm gefällt, ist klar(sonst würden wir ja auch kein Metal hören, sondern die Flippers). Nichtsdestotrotz ist der Schmalz und das Pathos(das du darauf hinweist ist ja richtig) hier ein Kunstgriff, denn er erweckt eine Erwartungshaltung und die wird durch das Überfahren am Schluss eindeutig konterkariert - und ist nur darum zu ertragen(von wegen Flippers).
6. Juni 2012, 17:07
Metal Trails sagt:
Kommentar des Redakteurs: Natürlich steht es jedem frei, an bestimmten Textstellen besonderen Gefallen zu finden; oder eben auch nicht. Selbstverständlich wurde das Lied im Ganzen gehört und selbstverständlich ist die Handlung verstanden worden. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Text mir persönlich einfach zu schmalzig und pathosbeladen daher kommt. Nur weil ein Song psychedelischen Inhalt besitzt macht ihn das noch nicht tiefgründig. Und nur weil plumpe Lyrics einen als gehoben empfundenen Themenkomplex umschreiben, macht sie das nicht weniger stumpf.
6. Juni 2012, 11:18
Stefan sagt:
Guter Text. Delain wollen nichts neu erfinden. Sie machen das was sie machen einfach gut und werden von Album zu Album besser. Was allerdings grausig ist, lieber Arne, ist deine Kritik am Text von 'I want you'. Ganz offensichtlich hast du den Song nicht ganz gehört, denn am Schluss überfährt die Protagonistin des Songs ihren Angebetetn. Also ist alles zuvor entweder ironisch oder es verweißt auf das Pathologische von Verlangen und Liebe. Darum gibt es für deinen Review leider nur 69%.

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