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Sonata Arctica – The Days Of Grays

Kritik von: Arne Luaith
Album-Cover von Sonata Arcticas „The Days Of Grays“ (2009).
„Die Tage der Ergrauten!“
Interpret: Sonata Arctica
Titel: The Days Of Grays
Erschienen: 2009
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Als alter Freund des finnischen Power Metal hatte ich bereits mit Sonatas letztem Werk “Unia” (2007) so meine Probleme. Grundsätzlich bin ich jeder Weiterentwicklung und stilistischen Veränderung einer Band gegenüber aufgeschlossen, und insbesondere der Prog ist für mich mit eines der vielseitigsten Subgenres des „schweren Metalls“. Dennoch fehlte mir bereits bei Unia einfach der gewisse Biss. Es wollte schlicht und ergreifend kein Funke überspringen, wie noch zu Reckoning Night – Zeiten (2004). So hatte ich mit eher gemischten Gefühlen und zurückhaltender Erwartung auf das nun jüngste Album der Band aus dem kalten Norden vorausgeblickt, als es 2009 endlich erschien. Hatten sich die Befürchtungen bestätigt? Teils und teils.
Meine erste Review zu den „Grauen Tagen“ bzw. den „Tagen der Ergrauten“ (ein Wortspiel des Titels) schrieb ich im Dezember 2009, sprich etwa zwei Monate nach dem Release. Ich dachte damals, vielleicht würde sich meine Ansicht im Bezug auf die Scheibe im Laufe der Zeit noch ändern. So wäre es nur ein Qualitätsmerkmal Sonatas gewesen, eine Platte auf den Markt zu werfen, die sich erst im Laufe einer langen Zeitspanne mehr und mehr öffnet. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2011 und auch diese Hoffnung hat sich leider nicht vollends bestätigt … Was für ein Album ist „The Days Of Grays“ nun? Henrik Klingenberg – Keyboarder der Band –, beschrieb die Scheibe am ehesten anzusiedeln als „irgendwo zwischen Reckoning Night und Unia“. Tatsächlich zeigt sich bereits beim ersten Anspielen eine satte Dominanz der progressiven Unia-Einflüsse, wie sie noch einmal weit über Grenzen hinausgetragen werden, die das Vorgängeralbum selbst bestenfalls tangierte.
Nach dem instrumentalen Intro legen die Finnen mit „Deathaura“ – dem ursprünglich angedachten Titel des Albums – einen schwerverdaulichen Brocken hin. Nach seichtem Einstieg treiben rasende Drums den Hörer vorwärts in einen Urwald aus Tempowechseln und weitgehend fehlenden Songstrukturen; einen erkennbaren Refrain etwa gibt es nicht. Die eingängigen, breschenden Melodiebögen der früheren Bandtage sind endgültig einer sperrigen, komplexen Komposition gewichen, die mit ihrem bombastischen Arrangement insbesondere durch ihre Streicherlastigkeit einen nahezu cinematisch anmutenden Epos erzählt. Sonata geben ganz im Stile von Rhapsody of Fire meets Dream Theatre ein episches Märchen in allegorischen Worten wieder. Leider dürften sie alleine damit den Großteil der Hörer hoffnungslos überfordern. Insgesamt bleibt ein zwiegespaltenes Grummeln im Magen zurück, wenn der eigentliche Opener des Albums nach knappen 8 Minuten allmählich ausklingt. Selbst nach vielfachem Wiederhören setzen sich die hymnisch intendierten aber dabei schrecklich uneingängigen Melodiebögen einfach nicht im Ohr fest. So bleibt lediglich die Erinnerung an ein orchestrales Feuerwerk ohne nachhaltigen Eindruck zurück.
An dieser Stelle wundere ich mich des Öfteren, wie viele Verfechter des „neuen“ Sonata-Sounds doch schlichtweg nach der Rechnung „abstrakt, schwergängig, komplex, allegorisch“ = Kunst und „hochmelodisch, eingängig, klare Strukturen und direkte, emotional erfassende Lyrics“ = Kommerzmist zu bewerten scheinen. Ich für meinen Teil vermisse die alten Sonata-Tage, als sie uns etwa mit dem hämmernden Refrain eines „Fullmoon“ beglückten, der sich schon beim ersten Durchlauf im Gehörgang festbrannte und selbst nach einem Jahrzehnt nichts von seiner Qualität verloren hat. Auf „Reckoning Night“ bewiesen Kakko und seine Mannen höchstselbst noch mit „Wildfire“, dass sie auch Progressivität mit packenden Melodien und Lyrics vermengen können. Doch den emotional geladenen, psychosozialen Abgründen eines „Fullmoon“ steht nun „nur“ noch die intellektuelle Verarbeitung einer Hexenjagd gegenüber, die sich mit sämtlichen Flüchen dagegen wert, sich dem Hörer zu erschließen. Das mag man Kunst nennen, aber mir für meinen Teil fehlen dem Stück einfach die immanenten Eigenschaften, die für mich Sonata Arctica ausmachten.
Nach diesem erdrückenden Auftakt stimmen die Finnen mit „The Last Amazing Grays“ den quasi-titelgebenden Track an. Tatsächlich erweist sich das Stück als eine getragene Halbballade mit melancholisch-nostalgischem Monolog. Eine Ode an die Macht der Vergänglichkeit, melodisch verpackt und tatsächlich mit etwas klarerer Songstruktur. Auch hier überwiegen Bombast und die obligatorischen progressiven Elemente. Insgesamt eines der besten Stücke des Albums und auf jeden Fall ein Anpielen wert.
Mit „Flag In The Ground“ folgt ein recht straff vorwärts trabender Midtempo-Brecher. Melodisch, eingängig, in meinen Ohren aber weitgehend ohne echte Klasse. Ein annehmbares Lied ohne Langzeitbestand. Freunde des alten Arctischen Power Metals dürften mit diesem Track noch am ehesten glücklich werden, erinnert er doch als erstes und einziges Lied der Scheibe tatsächlich noch in gewissem Maße an die Epoche der Reckoning Night.
„Breathing“ lautet der Name der obligatorischen Ballade. Kakkos gefühlvoller Gesang wird auf harmonische Art von Streichern, dezenten Drums und der E-Gitarre umspielt. Hier wird nun die außerordentliche Qualität deutlich, mit der Sonata Arctica ihre Kompositionen bis in die letzten Quanten ausfeilen und durchkonzipieren. Jeder einzelne Ton wird exakt so eingestreut, dass er den Gesang umhüllt und in einen opulenten melancholischen Klangwald einbettet. Breathing ist eines dieser sehr raren Lieder, bei denen die Stimme nicht nach den Instrumenten singt, sondern tatsächlich die Instrumente der Stimme folgen. Ein wunderbarer Ansatz, doch auch hier macht mir widerum die übergreifende Krankheit des gesamten Albums die Suppe ein wenig madig: Die Melodie ist schön, aber teilweise ersetzbar. Sie wehrt sich nicht gegen das Ohr des geneigten Hörers – wie es etwa ein „Deathaura“ vermag. Doch ein echtes, zeitloses Potential weist sie mitnichten auf. Ein angenehmer Track als Hintergrundgeplätscher und zum Berieselnlassen in traurigen oder einsamen Momenten.
Mit „Zeros“ folgt sogleich der erklärte Tiefpunkt des Albums. Eine langweilige, getragene Melodie, ausgewaschen durch Belanglosigkeit und zerstückelt von eingestreuten Störelementen, die wohl progressiv wirken sollen. Spätestens hier fangen die Lieder der Scheibe an, auf fatale Weise ähnlich und redundant zu klingen. „Zeros“ hätte ersatzlos gestrichen werden können, ohne das den Grauen Tagen irgendetwas Wichtiges abhanden gekommen wäre. Gerade nach den vorhergehenden eher starken Tracks mutet es ein wenig an wie von einer B-Seite entlaufen. Definitiv ein Füller. Nicht direkt schlecht, aber auch nichts anderes.
„The Dead Skin“, seines Zeichens siebenter Track der Scheibe, zieht die Temposchraube erneut an und dümpelt dann doch wieder lediglich in eintöniger Langeweile vor sich hin. Immerhin wird Kakko endlich einmal laut und darf sich die Seele aus dem Hals schreien; leider nur als seine eigenen Backing Vocals. Vermutlich sollen die vereinzelt eingestreuten Screamsalben die Aggressivität des Titels unterstreichen. Ein mittelmäßiger Track, der zumindest durch seine partielle Härte ein wenig Abwechslung in das zunehmend eintöniger werdende Hörererlebnis mischt.
Mit „Juliet“ knüpfen Sonata schließlich an das traumatische „The End of This Chapter“ (Album „Silence“, 2002) und das psychedelische „Don’t Say A Word“ (Album „Reckoning Night“, 2004) an und schließen die Trilogie mit einem famosen Finale ab. Hochmelodisch, progressiv, lyrisch verstörend, psychedelisch. Eine wahre Perle im Dickicht der Verlorenheit der vorhergegangenen Stücke! Na bitte! Warum nicht gleich so?
Sodann folgt mit „No Dream Can Heal A Broken Heart“ ein weiterer Brecher, der mit eingängiger Melodie trotz progressivem Einschlag zu überzeugen weiß. Leider flaut das Lied gerade in dem Moment, da es richtig Fahrt aufnimmt, vollends ab und dümpelt nach einer instrumentalen Durststrecke und dezentem Frauensolo seicht vor sich hin einem unwürdigen Ende entgegen. Schade, aus diesem Stück hätte viel mehr gemacht werden können. Trotzdem darf es getrost zu den Lichtblicken der „Grauen Tage“ gezählt werden. Anhören, selbst entscheiden!
„As If The World Wasn’t Ending“ lässt die allgemeine Tendenz des Albums erneut aufleben, auf zwei unerwartet gute Lieder mindestens ein unerwartet belangloses, langweiliges, schon 1000x gehörtes Stück folgen zu lassen. Wiederum folgt: Nicht schlecht, nicht gut. Einfach nur eine überflüssige Downtempo-Nummer ohne echten Charakter. Das gleiche Spiel wiederholt sich noch einmal mit dem 11. und damit vorletzten Stück der Scheibe, „The Truth Is Out There“. Ein episch-orchestral eingespielter 5-Minüter, der sich leider sowohl melodisch als auch rhythmisch 1:1 in den Suppenreigen der Fülltracks einreiht. Nach den fast 50 Minuten Bombast des gesamten Albums klingen die Streicher einfach nur noch gleich, die immerähnlichen Drums werden dröig und auch Kakkos Gesang erscheint von Lied zu Lied weniger innovationsfreudig.
Zu guter Letzt schließen die Tage der Ergrauten mit dem nochmals aufgegriffenem Eingangsthema, welches schon das instrumentale Intro der Platte gebildet hat. Die Finnen verabschieden sich mit einer 5-minütigen Orchester- und Chororgie, wie sie jeder Verfilmung eines Herrn der Ringe würdig gewesen wäre. Man könnte sich allerdings fragen, was das nun bis auf latente Drums noch mit Metal zu tun hat … Schließlich verklingt auch der letzte Nachhall einer E-Gitarre und lässt nach ziemlich genau 60 Minuten Spielzeit einen zwiegespaltenen Hörer zurück.
Wie genau ist „The Days Of Grays“ nun zu bewerten? Ich persönlich sehe das Hauptproblem der Scheibe in ihrem viel zu hoch gesteckten Selbstanspruch. Sonata Arctica wollen Kunst auf höchstem Niveau betreiben, und tatsächlich haben sie im Jahre 2009 eine monumentale Fanfare in die Welt geworfen. Die Arrangements sind ausgefeilt bis in die Spitze, die Instrumente werden mit Exzellenz beherrscht und an jeder Ecke und Kante versprühen die Finnen mit diesem ihrem Magnus Opus Detailverliebtheit und Herzblut. „The Days Of Grays“ ist in erster Linie keine kommerzielle Scheibe sondern offenkundig die Selbstverwirklichung der Band. Sonata haben sich vom speedigen Power Metal der jüngsten Tage losgesagt und eine Art „Progressive Cinematic Metal“ entwickelt, der in seiner derzeitigen Form und Entwicklung einzigartig im Reigen der Genres sein dürfte. Leider bietet „The Days Of Grays“ einige Belanglosigkeit, woran man sieht, dass trotz ihrer technischen Expertise Sonata ihren neuen Stil noch nicht vollends beherrschen. Das tut dem Album jedoch keinen Abbruch, da trotz mangelnder Abwechslung bis auf „Zeros“ keine Totalausfälle auf der Scheibe existieren. Was hingegen markant stört ist die bewusste Überverkomplizierung sämtlicher Charakteristika der Musik. Die ständig eingeworfenen Tempowechsel, die Rhythmik und die gesamte auf orchestrale Progressivität getrimmte Instrumentierung wirken nicht selten ein wenig aufgesetzt. „Hauptsache uneingängig und komplex!“, könnte man meinen. Die Texte sind größtenteils schwer verständlich und bietet kaum noch direkten persönlichen Bezug und somit Chancen zur emotionalen Identifikation des Hörers. Erzählten Sonata früher in ihren Texten noch hochemotionale, psychosomatische Geschichten, so sind sie nun nahezu vollends auf die Ebene abstraktester Allegorien aufgedriftet.
All dies unterstreicht den künstlerischen Aspekt, trägt aber nicht zur Einzelwirkung der Songs bei und führt somit zu meinem drittgrößten Kritikpunkt an der Scheibe: Sonata haben zwar ein episches Werk vorgelegt, welches als Ganzes im Stile eines Konzeptalbums einen einzigartigen Hochgenuss für jeden Audiasten darstellt, doch sie haben entschieden vergessen, für ihre Fans auch gute, eingängige Einzelstücke zu komponieren. Mein zweitgrößter Kritikpunkt ist die starke Dominanz des Down- und Mittempo-Bereiches. Wirklich einschlagende Nummern gibt es auf dem Album einfach nicht; wobei man sich nun auch dies wieder mit dem „Kunst“-Argument schönreden kann. Mein größter Kritikpunkt ist jedoch der, dass Kakko als Sänger schlicht und ergreifend nicht ausgereitzt wird. Nie zuvor hat man seine Stimme so variabel die Mitteltöne singen hören … und nie zuvor hat man so schmerzlich seinen sammetesken Kreischgesang vermisst. Gerade wer sich die jüngeren Live-Konzerte der Band angehört hat dürfte bemerkt haben, was Tony für ein markerschütterndes Gesangsorgan entwickelt hat – und hier darf er es einfach nicht einsetzen.
Fazit: Was bleibt ist der schale Nachgeschmack eines eigentlich guten Weines. Fans der alten Töne werden herbe enttäuscht sein, insbesondere wenn sie nach Unia auf eine Rückbesinnung zu den Wurzeln der Band gehofft hatten. Fakt bleibt jedoch: Wer Sonata bei diesem Machwerk allen Ernstes Degression unterstellt, der hat schlichtweg keine Ahnung von Musik. Die Band hat sich weiterentwickelt und einen Koloss von Albums abgeliefert, wie es 99% aller Bands niemals im Stande wären. Als Gesamtwerk nahezu hohe Kunst kann das Album mit seinen teilweise sehr ähnlichen Arrangements im Detail leider nicht vollends überzeugen. Insbesondere etwas eigenständigere und abwechslungsreichere Einzeltracks hätte ich mir gewünscht. Die große Schwäche des genialen „The Days Of Grays“ für die einen liegt gewissermaßen in seiner großen Stärke für die anderen. Letztlich muss sich wohl jeder ein eigenes Bild von diesem Album machen, wenn er es in den zwei Jahren seit Release nicht schon getan hat. Trotz allem bleibt all dies aber Meckern auf hohem Niveau. Gehasst, geliebt, gespalten … zumindest ein Phänomen werden die Tage der Ergrauten bleiben. Ein Interessantes, und eines mit Macken. Anspieltips: The Last Amazing Grays, Juliet, No Dream Can Heal A Broken Heart.
 
Score:
81% Hervorragend!

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