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Interview: Bonfire

mit Claus Lessmann vom 7. Juni 2013 im Rathaus, Telfs
Anlässlich ihrer aktuellen Veröffentlichung Live At Wacken gibt's wieder allerhand Tour- und Festival-Aktivitäten der deutschen Rock-Urgesteine Bonfire. Dabei besuchten sie im Zuge des Skid Row/The Quireboys-Auftritts auch das Tiroler Örtchen Telfs und rockten es, zusammen mit ihren Kollegen, in Grund und Boden. Nach dem markerschütternden Auftritt war es natürlich unumgänglich, die bajuwarischen Rock-Haudegen zum Interview zu bitten.
Sänger Claus Lessmann nahm sich in der berühmten bayrischen Gemütlichkeit Zeit und sprach mit uns über ihre Anfänge als Cacumen, den daraus resultierenden Wandel zu Bonfire, den Rechtsstreit um den Bandnamen, die wiedergefunden Wacken-Tapes, die Schwierigkeit deutsche Texte zu schreiben und zu singen und natürlich über seine Beziehung zu Österreich.
Als weitere Themen folgen seine Hass-Liebe zu Herbert Grönemeyer, AC/DC oder Bon Jovi, Oma-Patricks Eierlikör und der unumgängliche Eurovisions Song-Contest. Außerdem erzählt Claus Lessmann zum ersten Mal in einem Interview, warum sie seit ihrem legendären Konzert auf dem Wacken Festival im Jahr 1998, nie wieder dort aufgetreten sind.
Viel Spaß mit dem Interview!

Das Interview:

Michael Voit: Hallo Leute, hier ist Metal Trails. Wir befinden uns im Rathaussaal im Tiroler Ort Telfs und bei mir sitzt...?
Claus Lessmann: Claus Lessmann von Bonfire.
Michael: Hallo Claus! Wie geht's Dir?
Claus: Ja sehr gut, danke!
Michael: Ihr habt ja Euren Auftritt schon hinter Euch und abgerockt, dass die Hütte gebebt hat.
Claus: Mit dem Vorsatz sind wir hergekommen. Jetzt kommen noch zwei geile Bands, nämlich The Quireboys und Skid Row und dann passt das.
Michael: Es ist ja irrsinnig schön hier in Telfs, ist aber nicht Euer erstes Mal hier?
Claus: Wir waren schon mal hier, ja, aber das ist ewig lang her. Das war Anfang der Neunziger. Wenn nicht sogar mit Judas Priest, aber so genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich habe super Erinnerungen daran und vor allem unser damaliger Schlagzeuger war Österreicher, der Edgar Patrick, und hat sogar eine Oma hier gehabt.
Da haben wir zwar nicht in Telfs gespielt, sondern in Innsbruck, aber die besagte Oma hat einen so tollen Eierlikör gemacht, dass wir mit dem Tourbus einen Umweg über Telfs fahren mussten, um uns hier ein paar Flaschen von dem Eierlikör zu holen. Und von dem haben wir dann jeden Tag in der Frühe, als kleines Zwischenfrühstück - vor dem Frühstück - gekostet. Ich sag's Dir, da hast Du Dich gleich wieder hinlegen können. Da hast Du Dich gut gefühlt und brauchtest keine Drogen. (lacht)
Ein selber gemachter Tiroler Eierlikör war das Höchste für uns. Sollte man auf jeden Fall mal trinken.
Michael: Aber auf jeden Fall! Ich geh jetzt mal ein bisschen in die Vergangenheit: Ihr habt ja als Cacumen begonnen - ich hoffe ich spreche das richtig aus, weil's ja lateinisch ist, wenn ich mich nicht irre?
Claus: Das ist genau der Grund, warum wir den Namen gewechselt haben, weil niemand gewusst hat, egal wo er hergekommen ist, wie er es aussprechen soll. Und nachdem uns jeder gefragt hat, wie man das ausspricht, hatten wir die Schnauze voll. Vor allem weil uns dann mal jemand erzählt hat, auf portugiesisch heißt das "Kuhfladen". (lacht)
Dann haben wir uns endgültig nach einem anderen Namen umgesehen. Und zu der Zeit hatten wir gerade einen Wechsel im Management und auch bei der Plattenfirma und da haben wir uns dann gleich umbenannt. Und so sind wir dann auch auf Bonfire gekommen. Und das lässt sich, glaube ich, gut aussprechen?
Michael: Aber ja. "It rolls over the tongue", wie Sebastian Bach sagen würde. War das stilistisch denn noch eine andere Richtung?
Claus: Eigentlich ist das nahtlos übergegangen. Das war einen ganz natürliche und gesunde Entwicklung von Cacumen zu Bonfire. Wir haben im Sound gar nicht groß was verändert, nur mit dem neuen Namen weitergemacht. Und mit dem neuen Namen, der neuen Plattenfirma und dem neuen Management, gings dann auch gleich aufwärts. Cacumen hat der Hans (Ziller, Anm. d. R.) mit seinem Bruder schon 1972 gegründet, ich bin dann 1978 dazugekommen und 1985 in etwa haben wir uns dann in Bonfire umbenannt. Und jetzt haben wir 2013 und sind immer noch da.
Michael: Ist eh so, wie Du es zuerst auf der Bühne gesungen hast: "You still rock"!
Claus: Genau, "We still rock!". Ist so. Wir können auch nichts anderes. Uns können sie ja für sonst nichts gebrauchen. (lacht)
Michael: Das kann man so aber auch nicht sagen?
Claus: Na klar: Gib mir eine Schaufel in die Hand, was soll ich damit machen? (lacht)
Michael: Diese Cacumen-Alben wurden später nochmal neu aufgelegt, weil sie komplett vergriffen waren…
Claus: Die hat's einfach nicht mehr gegeben. Das war ja noch zu der Vinyl-Zeit. Und dann kam die CD. Da hatte plötzlich fast keiner mehr Vinyl. Und da haben wir dann die Cacumen-Alben nochmal als CD aufgelegt und "The Early Days Of Bonfire" genannt. Ich muss ganz ehrlich sagen, mit manchen Sachen kann ich mich nicht mehr identifizieren, aber auf der anderen Seite bin ich in gewisser Weise auch stolz, irgendwo muss man ja anfangen. Jeder fängt einmal an, und dafür sollte man sich auch nicht schämen, dafür ist man ja Anfänger.
Und die ersten Gehversuche und Songs sind halt noch nicht so, wie man sie machen würde, wenn man länger im Geschäft ist. Und dazu kommt, dass die Leute, die damals die Studios hatten, halt auch noch nicht solche Cracks waren, wie das heute der Fall ist. Wenn Du heutzutage einen PC oder Mac zu Hause hast, gibt's Software, die das alles von allein macht. Dazu muss man nicht mal singen können, das dudelst Du drauf und das Programm korrigiert das für Dich. Früher hat das einen Haufen Geld im Studio gekostet.
Michael: Heutzutage kann halt jeder Musik machen.
Claus: Was ja auch nicht schlecht ist. Es kommt viel Scheiße dabei raus, aber manchmal kommt halt auch eine Perle raus. Auch wenn man nicht unbedingt darauf steht, merkt man trotzdem, dass es gut gemacht ist. Und das finde ich eigentlich auch nicht schlecht, dass es so etwas gibt. Weil manche Leute haben halt einen Traum und sind musikalisch vielleicht nicht so bewandert und dann hilft ihnen das schon ordentlich, weil das Talent ist ja da. Und diese neue Technik hilft ihnen, dieses Talent umzusetzen. Früher wäre das nicht möglich gewesen. Wobei es natürlich Bands gibt, die können einen Furz auf einer CD lassen und es kommt bei den Leuten an. Bon Jovi zum Beispiel, der ist so einer: Der kann einen Furz auf eine CD lassen und er wird trotzdem gespielt. Ich war früher einer der größten Bon Jovi-Fans, aber mittlerweile muss ich halt auch sagen …..
Nein, Bon Jovi ist nach wie vor gut, zumindest fürs Protokoll. (lacht)
Michael: Waren Cacumen Deine erste Band, oder hast du vorher schon in anderen Bands gespielt?
Claus: Ja klar, aber das waren halt - wie bei vielen anderen auch - Schüler-Bands. Noch weiter zurück, also wenn man jetzt zum Beispiel ins Tierreich geht, wären da die Einzeller und Amöben, aber auch mit den Bands hat es Spaß gemacht. Ich kann mich noch gut erinnern, da haben wir mit so alten Röhrenradios gespielt, die kennst Du eh sicher auch noch von der Oma. Kurz nachdem der Hitler weg war, gab's den Reichsempfänger und dann gab's die Telefunken-Teile. Das waren ganz große Radios, und die haben wir als Gitarrenverstärker hergenommen.
Da gab's so 5-, 7- oder 9-polige Stecker, und die hat man in die Akustik-Gitarre hineingesteckt, Tonabnehmer dazu, eingesteckt und dann kannst Du Dir sicher vorstellen, wenn Du da ein bisschen zu laut aufgedreht hast, hast du das Radio zerschossen und die Oma hat eine Riesen Freude gehabt, weil das Radio kaputt war. Blöd war nur, dass es für diese Dinger keine Ersatzteile gab und so haben wir einen nach dem anderen zerschossen. Zum Unmut der anderen Omas und Opas. Aber das Gute war, manche hat es so zerschossen, dass das Radio die Gitarre plötzlich verzerrt hat. Und das war für eine Akustik-Gitarre natürlich optimal, weil sonst hatten wir nur diesen klaren Sound, mit dem man zum Beispiel die Zillertaler Schürzenjäger spielen hätte können. Und dabei haben wir einen Song gemacht, den fand ich so geil und dann war der 1:1 geklaut von einem anderen Lied, aber unwissentlich. (lacht)
Dabei war ich so stolz darauf, ich hatte sogar einen Text geschrieben. "Mensch", hab ich mir gedacht, "so eine geile Nummer!" Und dann haben wir das "Original" mal im Radio gehört. Gut, das haben wir dann natürlich nicht mehr gespielt. Aber es war eine schöne Zeit.
Michael: Du und der Hans habt Euch 1995, von den restlichen Mitgliedern, Euren Bandnamen "Bonfire" zurückkaufen müssen. Eigentlich sehr ungewöhnlich, was war da ausschlaggebend dafür?
Claus: Das war so: Der Hans wurde ja per Gerichtsbeschluss von der Band getrennt, wie wir damals mit Bonfire aufgehört haben. Und ich bin vorher auch schon ausgestiegen, das war 1992 und hab zu den Jungs gesagt: "Ich mag nicht mehr, macht ihr alleine weiter!" und habe versäumt, des schriftlich festzuhalten, dass ich einer der Bandgründer war und auch ein Recht auf den Namen habe. Sie haben zwar versucht zu spielen, haben aber keinen Vertrag bekommen, weil ja der Original-Sänger nicht mehr dabei war. Und daher ist Bonfire dann auch irgendwo in der Versenkung verschwunden.
Und wie der Hans und ich dann wieder zusammen zu arbeiten begonnen haben, wollten wir den Namen wieder zurück, weil die restlichen Mitglieder eh nichts mehr damit gemacht haben. Und damals waren die Fronten leider so verhärtet, dass die Jungs gesagt haben: "Ja okay, aber nur gegen Cash!" Das war natürlich ziemlich dreist, weil wir ihnen Bonfire quasi umsonst überlassen hatten und jetzt wollten die Geld dafür. Hat aber nichts genützt, wir haben in den sauren Apfel beißen müssen und uns den Bandnamen zurück gekauft. Das war 1995, jetzt haben wir 2013, hat sich also anscheinend doch gelohnt, dass wir es gemacht haben.
Michael: Ihr habt auch einige deutsche Titel im Programm. Recht ungewöhnlich für eine englisch singende Rockband. Ist das vom Singen und der Intonation nicht doch eine rechte große Umstellung?
Claus: Ganz ehrlich, es ist fürchterlich. Es ist viel viel schwerer Texte auf Deutsch zu schreiben. Ich bin eigentlich eher jemand …. Oder anders, ich betrachte mich eigentlich eher als einen ehrlichen Menschen, ohne viel Firlefanz, aber bei deutschen Texten habe ich fast den Hang, in die Schlagerecke abzudriften. Und das merkt man ganz besonders, wenn man über Liebe und Beziehung schreibt. Aber sind wir uns mal ehrlich, Liebe und Beziehung ist Schlager und Schmalz. Und wenn es das nicht wäre, wäre es nicht Liebe.
Ich würde zum Beispiel nie zu einer Frau, wie der Grönemeyer, sagen: "Du legst meine Seele in Falten." Da würde ich fragen: "Was soll der Scheiß, bitte? Was hast denn du genommen?" Und ich selber würde es auch nicht sagen. Ich sage entweder: "Ich mag Dich!" oder "Ich liebe Dich!", auch wenn es schmalzig klingt. Und da hast Du schon das Problem, wenn Du es auf Papier bringst, und noch viel schlimmer ist es, wenn Du es singen musst. Da muss man sich auch erst dran gewöhnen. In englisch klingt natürlich alles wesentlich cooler, wie: "I love you!". Und es spricht sich auch schon anders aus. Wer das zum Beispiel ganz gut macht, ist die Christina Stürmer. Ich hab sie zwar nie getroffen, aber das ist eine Frau und Songwriterin, der ich ihre Texte voll abnehme. Das ist toll wie die schreibt. Und das auf Deutsch. Und auch diese ganzen Austropop-Geschichten, wie sie in den Achtzigern aktuell waren, wie zum Beispiel STS, das war auch eine ganz tolle, ehrliche Musik. Zwar auch mit ganz viel Schmalz, aber auch mit unheimlich viel Tiefgang. Das hat sich leider Gottes verloren und mittlerweile muss ich sagen - ich mag zum Beispiel auch Silbermond - aber das klingt für mich alles gleich. Die schreiben auch alle gleich. Da ist für mich kein großer Unterschied mehr da. Die Texte klingen gleich und daher ist es nicht mehr ehrlich genug. Vielleicht müsste ich die Leute kennen, oder ein Fan sein, dass ich ihnen das richtig abnehme.
Aber ich würde mir im Rockbereich oft wünschen, dass der Schmalz einziehen würde. Weil die Musik ist ehrlich, warum soll der Text dann nicht auch so ehrlich sein, und auf das zurückgeführt werden können, was es wirklich ist: Auf ein "Ich liebe Dich!" und nicht in ein "Du legst meine Seele in Falten!". Grönemeyer ist toll, ich hasse ihn, aber ich würde es nie so wie er sagen. Es sagt's halt nicht jeder gleich, und wenn den Leuten gefällt, wie er das sagt, ist das auch okay. Aber wenn ich EINEN finde, der das geil findet, dann habe ich den Zweck mit meinem Song schon erfüllt. Es müssen's nicht tausende mögen, mir genügt einer.
Michael: Der Michael Wagner hat ja Eure Alben "Fireworks" und "Point Blank" produziert, genau wie Skid Rows Debüt und den Nachfolger "Slave To The Grind", der Kreis scheint sich in Telfs wieder zu schließen?
Claus: Der schließt sich immer. Und viele Kreise schließen sich in Telfs. Das fängt beim Eierlikör von der Oma an, wie ich vorher erzählt habe und hört beim Wagener und Skid Row auf. Und es ist immer wieder schön hier, wie ich eh heute auf der Bühne schon gesagt habe. Ich bin ja als kleiner Junge schon immer ins Zillertal gefahren. Da habe ich mit meinen Eltern mitfahren müssen. Und meine Eltern haben da eine silberne oder goldene Nadel bekommen, weil sie schon so oft da waren und ich hab das nie verstanden, warum man so oft dort hin fahren kann. Und mittlerweile fühle ich mich, als wie wenn ich heimkomme. Weil man vergisst das dann oft wieder. Ich bin so gerne da, das ist so eine Art Seelenverwandschaft. Und wie ich da heute den Berg heruntergefahren bin, ist meine Jugend an mir vorbei gezogen. Und endlich war auch das Wetter wieder gut. Nach der langen Regenzeit und dem ganzen Hochwasser. Und bevor wir überhaupt hier angekommen sind, habe ich mich schon so auf das Konzert gefreut, und das habe ich den Leuten auch gesagt. Und wenn man das selber spürt und auch die Leute, dann wird das zu einem Ganzen. Und so habe ich das auch das Konzert empfunden. Und das war einfach schön.
Michael: Seit kurzem ist eurer Wacken-Konzert aus dem Jahr 1998 auf CD erschienen. Habt ihr Euch damit einen Herzenswunsch erfüllt?
Claus: Eigentlich nicht, das hat ja überhaupt niemand mehr gewusst, dass die noch da sind. Für uns hat's die Aufnahmen gar nicht gegeben. Wir haben zwar gewusst, dass wir in Wacken gespielt haben, und wir haben auch - zumindest fünf Jahre danach - noch gewusst, dass es da mal ein Band gegeben hat, aber irgendwann hat niemand mehr gewusst, wo es ist. Und wie der Hans sein Büro und sein Studio zu Hause aufgeräumt hat, ist er über ein paar Kassetten gestolpert. Wir waren total neugierig was da drauf war, aber das war auf so alten Bändern, dass es dafür teilweise keine Geräte mehr gibt.
Er hat's aber nicht weggeworfen, sonder aufgehoben, weil's ihm komisch vorgekommen ist. Und wie wir dann mal reingehört haben, waren da die Aufnahmen von Wacken. So kam's zu dem Herzenswunsch, der praktisch gar nicht existiert hat. Wir haben sie eigentlich schon aufgegeben gehabt. Was soll's, die Zeit verliert halt ein bisschen was, aber nachdem sie da waren, haben wir uns dann dazu entschlossen, sie zu veröffentlichen.
Michael: Das war ja ein Wahnsinns-Konzert, aber trotzdem habt ihr seit dem dort nie wieder gespielt?
Claus: Ja, da gab's ein bisschen was. Das ist übrigens das erste Mal, dass ich das in einem Interview erzähle. Ich habe mich nicht gut behandelt gefühlt und war vielleicht auch noch ein bisschen alkoholisiert. Aber generell habe ich mich nicht gut behandelt gefühlt, und hab das auf einem anderen großen Festival auch noch auf der Bühne gesagt, dass ich auf Wacken scheiße behandelt wurde und das macht man halt nicht. Was mir mittlerweile natürlich auch leid tut. Aber jeder macht einmal Fehler, und da stehe ich heute auch dazu. Und vielleicht hört er es ja und ich habe es ihm auch schon ausrichten lassen. Vielleicht wird's ja mal wieder was? "Die Zeit heilt alle Wunden." sag ich immer. Ich würde gerne wieder in Wacken spielen. Wir wären auf alle Fälle dabei.
Michael: Habt ihr grundsätzlich Festival-Aktivitäten?
Claus: Ja ja, ganz viele eigentlich. Und was bei uns momentan auch sehr angesagt ist, ist vor allem der Osten. Also Ukraine, Russland, Rumänien, Bulgarien und Tschechien. Da läuft's richtig gut für uns. Deutschland spielen wir eher weniger. Ist zwar komisch, aber ich glaube die Deutschen sind so satt. Und das Schlimmste ist, da war jetzt ein Festival in Deutschland mit Whitesnake, Journey usw., die haben mit achttausend Leuten gerechnet und viertausend waren da. Was soll das? Ich habe Dio gesehen, wie er noch gelebt hat, vor dreihundert Leuten. Und wenn AC/DC kommt, ist der größte Volldepp plötzlich ein Rockfan. Entschuldige den Ausdruck, aber ich finde AC/DC auch gut, aber ansonsten haben die Leute mit Rock anscheinend nichts am Hut. Da zählen nur AC/DC und Bon Jovi. Vielleicht noch der Bryan Adams.
Michael: Womit wir wieder beim Herzschmerz wären.
Claus: Ja gut. Aber ich frag mich, wo sind die Leute hin, die in den Achtziger Jahren zu Tausenden die Hallen und Stadien gefüllt haben? Ich meine, wenn ich nach mir selber gehe, ich liege schon auch gerne auch der Couch und mach es mir gemütlich, und die Leute machen's vielleicht auch. Aber bitte liebe Leute, geht mal wieder raus. Ihr macht ja euren Frauen auch eine Freude damit. (lacht)
Wir Männer waren früher die, die Gas gegeben haben und jetzt sind es anscheinend die Frauen. Und dann beschweren wir uns, wenn die Frauen Gas geben. Das kann's ja auch nicht sein. Also bringt Euren Arsch wieder in die Höhe und so teuer sind die Eintritte ja auch nicht. Weil bei Bonfire und Skid Row zahlst du weniger, als wie wenn du zu Bon Jovi gehst. Denn die Preise sind zum Teil wirklich horrend, das kann sich kein Mensch mehr leisten. Es ist eine komische Zeit geworden, und da tragen die Medien natürlich ihren Teil dazu bei. Wenn ich bei uns in Deutschland zum Beispiel "Antenne Bayern" höre, die haben halt ihre Nischen mit gewisse Rock-Bands besetzt: Scorpions, Bon Jovi, Aerosmith und was weiß ich. Bonfire hätte auch tolle Balladen, aber die spielen sie halt nicht. Und wenn's dann um Rock geht, sind alle gleich. Und wenn AC/DC live kommt, dann machen die gleich ein AC/DC-Weekend. Ja gut, "Highway To Hell" ist ein guter Song, aber es gibt noch viele andere, als AC/DC. Aber da sind dann plötzlich alle auf dem Rock-Trip. Und das finde ich ehrlich gesagt schlecht und auch ziemlich blöd.
Michael: Glaubst Du nicht auch, dass das von den Medien so ein wenig gepusht wird?
Claus: Ja na klar ist es gepusht. Warum soll ich eine Energie in eine Band stecken, die noch keiner kennt, wenn ich es mir mit einer Band die jeder kennt, leicht machen kann? Kostet kein Geld und befriedigt jeden. Das ist natürlich das Schöne bei kleinen Sendern, da gibt's noch mehr Abwechslung. Oder bei Internet-Radio. Ich höre fast nur mehr Internet-Radio: Da suche ich mir raus was mir gefällt und ich habe das blöde Gelabere von den Moderatoren nicht. Ich hasse zum Beispiel auch diese Morning-Shows! Diese schlechten Witze am Morgen. Ich bin einer, der in der Frühe noch nicht so gut drauf ist, und dann soll ich vielleicht auch noch über diesen Scheißdreck und die billigen Witze lachen? Und die lachen ja selber am meisten drüber. Wie schlecht sind wohl diese Menschen? Das ist alles so ein Witz, aber gut, man soll's ja nicht schlecht reden, denn der Erfolg gibt ihnen anscheinend recht.
Michael: Was mich eigentlich auch recht überrascht hat, war Lordi's Teilnahme und Sieg beim Song-Contest. Deren Musik ist ja doch um einiges Härter, als alles andere was da sonst so mitmacht. Habt ihr auch schon mal überlegt anzutreten?
Claus: Ganz ehrlich, ich habe tatsächlich mal überlegt. Aber ich glaube ich würde den ganzen Wahnsinn nicht mitmachen. Alles tausend Mal proben für etwas, das eigentlich vollkommen für den Arsch ist. Mich freut's wirklich, dass Lordi dazumal gewonnen haben. Zu einer Zeit wo vermutlich jeder die Schnauze schon so vom Song-Contest voll hatte, und dem Mist der da teilweise präsentiert wurde, da lob ich mir doch Abba, Johnny Logan, Udo Jürgens oder Kathrina and the Waves: Das waren halt noch Songs. Aber wenn ich mir unseren deutschen Beitrag ansehe, was ja nebenbei eh alles getürkt ist, da werden Songs vom Vorjahr kopiert. Die Österreicher haben eigentlich immer gute Songs gehabt, habe aber nie verstanden, warum die so weit hinten waren. Das ist mir echt unbegreiflich. Denk mal an Waterloo und Robinson. Und das war noch nicht mal der beste Act. Aber ihr dümpelt ja immer ganz hinten herum. Meiner Meinung ist das alles nur eine Frage des Geldes. Wer braucht diesen Dreck? Wird dein Interview eh nicht im Ersten oder im ORF ausgestrahlt? Oder bei der Barbara Karlich. (lacht)
Michael: Nein, keine Angst. Das ist nicht für die Öffentlich-Rechtlichen. Du brauchst Dir also kein Blatt vor den Mund nehmen. Du kennst Dich aber eh verdammt gut aus in Österreich?
Claus: Ja klar. Ich liebe dieses Land.
Michael: Wir hatten ja die letzten Tage ordentlich zu Kämpfen mit dem Hochwasser. War es bei Euch auch so schlimm?
Claus: Fürchterlich. Darum haben wir heute beim Konzert auch "Proud of my Country" gespielt. Das ist ja normal eine Nummer, bei der ich mich über all das auslasse, was kein Mensch mehr braucht, wie die Nazis, die es immer noch gibt. Und es geht halt um Stolz, und hier in Tirol, in Kössen stehen die Leute jetzt ganz arm da. Man erlebt zwar in den Medien mit, wie schlimm das alles ist, aber es ist halt alles so weit weg. Und wenn es einen selber nicht berührt, dann ist es noch weiter weg. Und es gibt Leute, die überall helfen. Die fahren teilweise von Wien nach Kössen, und helfen denen. Unser Schlagzeuger hat uns erzählt, dass aus seinem Ort die Feuerwehr nach Deggendorf fährt und hilft. Quasi die Ortschaften denen nichts passiert ist, helfen den betroffenen. Und das kostet unheimlich viel Geld, aber in erster Linie Herzleid. Wenn Du Dir was aufgebaut hast, und niemand hilft Dir. In den Medien ist zwar jeder bedauert, aber vom "Bedauern" alleine kann man sich nichts mehr zurück holen. Und deswegen war das für mich heute der Anlass, dieses Wort "Stolz" in Verbindung mit diesen Helfern zu bringen.
Michael: Eine letzte Frage habe ich noch: Heuer im Spätsommer soll ja noch Euer neues Studio-Album kommen, gibt's da schon Details?
Claus: Naja, es wird wohl ein bisschen später werden, aber ich hoffe es geht sich heuer noch aus. Titel gibt es allerdings noch keinen. Aber es stehen in etwa 50 Songs, die darauf warten, dass man sie in eine gewisse Form bringt und dann schaut, was schafft es aufs Album, und was nicht. Die Zeit müssen wir uns jetzt nach der Festival-Saison nehmen. Weil wir halt teilweise eher langsame Arbeiter sind. Manche können auf Tour schreiben, ich kann das nicht. Ich brauch dann auch mal eine Auszeit und ein bisschen Zeit, und dann wird's schon werden.
Michael: Vielen Dank nochmal, dass Du Dir die Zeit fürs Interview genommen hast, Claus. Du kannst jetzt noch ein Schlusswort loswerden, wenn Du möchtest.
Claus: Ich hab mich gefreut, dass ich wieder einmal in Österreich war, und wünsche mir für die Zukunft, dass wir wieder öfter hier spielen. Und bleibt alle wie ihr seid. Ich wünsche Euch frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr. Ostern ist leider schon vorbei, aber seid nicht traurig, das kommt nächstes Jahr eh wieder.
Moderation: Michael Voit; Fotografie: Agnes Dinhobl

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