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Liveware – A Look Inside The Mirror

Kritik von: Michael Voit
Album-Cover von Livewares „A Look Inside The Mirror“ (2012).
„Eine rundum gelungene Progressiv-Perle!“
Interpret: Liveware
Titel: A Look Inside The Mirror
Erschienen: 2012
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Für das Debüt-Album des Dortmunder Progressiv-Sextetts Liveware machen wir kurz einen Sprung zurück ins Jahr 1992, als eine recht unbekannte Gruppierung namens Dream Theater mit ihrem grenzgenialen Album "Images & Words" den Progressiv-Rock bzw. - Metal zum ersten Mal so richtig salonfähig machte. Schier nie enden wollende Gitarrensoli verknoteteten sich mit komplexen Keyboardarrangements, geleitet von Sänger James LaBrie, der seine Männer wie ein Fels in der Brandung durch die stürmische Progressiv-See lotste. Man konnte sich nicht mehr nur einfach berieseln lassen, sondern war erstmals gefordert, richtig zuzuhören und der Musik zu folgen; aber ohne dass jemals Langeweile aufkam. Die Melodien und Strukturen fanden immer neue Wege und Möglichkeiten ihre eigenen Grenzen zu durchbrechen. Und genau da sind wir schon in Mitten von Livewares Erstlingswerk "A Look Inside The Mirror", das diese Tradition fortführt, als wären sie die legitime Reinkarnation.
Mit "Prelude", dem Intro, eröffnet das Progressiv-Biest "A Look Inside The Mirror" seine Tore und erinnert gleichzeitig an die Einleitung von Rush's "Force Ten". Mit einem hypnotischen Soundteppich lockt es uns an, und ehe man sich versieht, gibt es kein Entrinnen mehr und Liveware beschwören zum ersten Mal die vertrauten Progressiv-Klänge mit "Nothing left to fear" herauf. Schade, dass der Übergang vom Intro in den Folgetrack ein wenig zu lange dauert und so leider dem Überraschungseffekt ein wenig entgegenwirkt. Der Titeltrack - wohl einer der vielen Höhepunkte des Albums, sofern sich überhaupt einer ausmachen lässt in der Weite von Hochkarätern - erinnert zuerst an Europe und dann im Chorus an Toto. Spätestens beim Solo würde selbst Steve Lukather dann die Kinnlade nach unten klappen. Überhaupt ist das Album keine Abhandlung endlos aneinander gereihter Soli, sondern wartet mit gut platzierten, schwindelerregenden Gitarrenläufen auf. Ideenlosigkeit muss hier nicht mit Schnelligkeit kompensiert werden – ganz im Gegenteil: So viel Spaß und Spielfreude - samt origineller Einfälle - wie diese Band hier vorzeigt, habe ich lange nicht mehr gehört und das, obwohl sie erst seit einem Jahr zusammen die Äxte schwingen. "When Winter's gone" und "Spread your Wings" sind beides knackige Rock-Songs, deren Essenz Incubus nur allzu gerne für eigenes Songmaterial hergenommen hätten, aber wohl so schnell nicht mehr hinbekommen werden. "Dreams of May" erfüllt locker alle Pop-Rock-Kriterien und wird hoffentlich auf allen gängigen Radio-Sendern rauf und runter gespielt werden, so sehr beißt sich dieser charmante Song im Gehör fest: wirklich beeindruckend!
Und dann schafft diese junge Band etwas, das selbst einigen der ganz Großen verwehrt bleibt: Sie setzen sich gleich auf ihrem Debüt ein Denkmal, in Form des monumentalen Rock-Epos "A Mid September's Eve", das für die nächsten 10 Minuten zum Angelpunkt all unseres Daseins werden wird. Munter hüpfen sie von einer Idee zur nächsten und knüpfen so einen nie enden wollenden, anschmiegsamen Teppich aus Ohrwürmern und Zitaten quer durch die Musikgeschichte, der niemals an Innovation einbüßt. Teilweise erinnern die Synths sogar an die Einzigartigkeit eines Kevin Moore (Original-Keyboarder von "Dream Theater", verließ die Band nach drei Alben, Anm. d. R.). In "Spread Your Wings" finden sich die warmen, vertrauten Klänge einer Hammond-Orgel wieder, um vom treibenden Rock-Metal-Zwitter "Ingrained" abgelöst zu werden, der in klassischer Metal-Manier mit uns Richtung Ausgang groovt und uns auf dem Weg dorthin mit synchron gespielten Soli verzaubert, dass eine Rückkehr unvermeidbar bleibt. So gefreut habe ich mich das letzte Mal über ein Progressiv-Album, als ich Dream Theater's "Images & Words" erstmals erlebte. Liveware bleiben noch dazu stimmlich auf dem Boden der Tatsachen, was heißt, sie verzichten auf den zuweilen etwas peinlichen und nervigen Falsett-Gesang ihrer "Kollegen im Geiste". Die Drums sind mir, bei all dem Lob, dann aber doch ein bisschen zu flau abgemischt; überhaupt ist der Sound, besonders bei den ersten Stücken, ein wenig zu flach. Meiner Meinung nach fehlt dem Album ein wenig klangliche Tiefe, aber wenn die Jungs das in Eigenregie aufgenommen haben, ist das zu verzeihen und kann durchaus passieren, gerade am Anfang. Allerdings sind die Songs so interessant komponiert wie auch arrangiert, dass nicht einmal das wirklich ins Gewicht fällt. Eine weitere Erwähnung ist auch das großartige Cover wert, das dem Album so den letzten Schliff gibt.
Fazit: Was diese Jungs hier abliefern, ist eine rundum gelungene Progressiv-Perle, vollgestopft mit 51 Minuten reinstem Entertainment. "A Look Inside The Mirror" fängt da an, wo "Images & Words" von Dream Theater vor 20 Jahren aufhörte, ohne jemals als billige Kopie zu fungieren, sondern eher als konsequent-innovative Fortsetzung. Nicht ein Schwachpunkt im Songwriting und auch sonst stimmt alles. Liveware ist ein erwachsenes, gut duchdachtes Epos gelungen, das den Hörer von der ersten bis zur letzten Minute gebannt lauschen lässt, was dem Sextett wohl als nächstes einfällt. Dazu vereint es alles Gute von Dream Theater, Incubus, Spocks Beard, Grand Avenue, moe., Toto und Steve Lukather. Einzig der etwas zu laue Sound stellt einen kleinen Kritikpunkt dar. Für alle Progressiv-Fans sowieso Pflicht, und auch sonst könnte eine breite Masse an "A Look Inside The Mirror" Gefallen finden. Somit kann man den Jungs nur alles Gute wünschen, denn von dem ungeschliffenen Diamanten Liveware haben wir definitiv nicht zum letzten Mal gehört, wenn sie es schaffen ihren Weg so inspirierend fortzusetzen. Ein echter Geheimtipp!!
Anspieltipps: A Look Inside The Mirror, Dreams of May, Mid September's Eve
 
Score:
90% Hervorragend!

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