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Interview: Cryptex

mit Simon Moskon vom 8. April 2013 via Phone
Was erlebt man nicht alles, wenn man als Band on Tour ist? Vor allem als Fan hört man zum Teil die atemberaubendsten Geschichten, dass einem nicht nur der Atem stockt, sondern dass bei Musikanhängern eines gewissen Alters sogar fast das Herz aussetzt. Auch die Jungs von der deutschen Progressiv Folk-Band Cryptex haben bei ihrer vor kurzem gespielten Supporttour für die britischen Progressive-Metaller von Threshold auch die eine oder andere spannende Geschichte erlebt. So ist zum Beispiel der Bus auf der Fahrt von Hamburg gen Süden nach Hannover fast in Flammen aufgegangen und der halbe Merchandise ist dabei von Diesel durchtränkt worden.
So eine Geschichte passt doch perfekt in die Storyboards von Filmemachern, die zum Beispiel Streifen wie Kings of Rock, The Rocker oder Waynes World produziert haben, oder? Alles also ziemlich klischeebehaftet. Oder sind solche Vorkommnisse, wie der oben beschriebene Unfall, doch eher die Ausnahme? Wie sieht der Weg nach oben, an die Spitze des Rock-Olymps, überhaupt aus und weshalb stellt man sich jeden Abend auf die Bühne vor ein Publikum, dass es jedes mal aufs Neue zu erobern gilt? Wie kann man überhaupt eine eher gelangweilte Menge in Euphorie versetzen? Gibt es da einen Plan, den man wie eine to-do-list abarbeitet, bis alle jubeln und kreischen?
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, sprachen wir mit Simon Moskon, Gründungsmitglied der Band und Multiinstrumentalist. Er gehört zu der Sorte Musiker, denen es nicht reicht auf der Bühne einfach nur laut ins Mikro zu schreien. Im schlimmsten Fall hat man ja sein beiden Hände frei! Also lernt man noch auf dem Piano, Bass, der Blues Harp und dem Didgeridoo zu spielen. Alles gleichzeitig selbstverständlich, sonst sind die Füße nicht ausgelastet! Scherz beiseite, und Respekt vor den Menschen, die in unserer heutigen Zeit der Wegwerfmusik noch ein solches Talent vorweisen können.
Außerdem erfahrt ihr im Interview was so alles für die Zukunft der Band ansteht, ab wann man mit dem Nachfolger für das Debüt-Album "Good Morning, How Did You Live?" rechnen kann und wie man heutzutage überhaupt als junger Musiker lebt, in einer Zeit, wo die Menschen zwar bereit sind 3,50€ für einen Burger, aber nicht 99 Cent für einen Song auszugeben.
Unten stehend findet ihr auch die aktuellen Tourdaten der ersten Headlinertour der Truppe, welche am 18. April in Düsseldorf starten soll.
Viel Spaß beim Lesen!
Cryptex - Headliner - Club Tour (Spring 2013):
18 April 2013 Pitcher - Düsseldorf, Germany
19 April 2013 Underground - Köln, Germany
20 April 2013 Bahnheim - Kaiserslautern, Germany
21 April 2013 Galery - Pratteln, Switzerland
27 April 2013 Perron 55 - Venlo, Netherlands
28 April 2013 Café De Stier - Eibergen, Netherlands
16 May 2013 Elfer Music Club - Frankfurt a.M., Germany
17 May 2013 Alexander The Great - Mainz, Germany
23 May 2013 Big Buttinsky - Osnabrück, Germany
24 May 2013 Die Pumpe - Kiel, Germany

Das Interview

Alex: Hi Simon, wie geht's dir?
Simon: Ganz gut, danke der Nachfrage!
Alex: Wie lief denn eure Tour mit Threshold und Enochian Theory im März? Was waren die prägnantesten Erlebnisse?
Simon: Man kriegt ja immer ganz schnell so gewisse Vergleiche zu der Tournee, die wir letztes Jahr zusammen mit Pain of Salvation gefahren sind. Da hatten wir schon die Ehre mal durch vierzehn Länder in zwei Monaten zu fahren. Das prägnanteste Erlebniss auf der Threshold-Tour war dann für uns einfach die Registrierung, dass man dann doch jeden Abend auf der Bühne mehr kämpfen musste, um das Publikum aufzuknacken, als bei der Pain of Salvation Tour, weil das Klientel von Threshold schlichtweg halt doch ein ganz anderes ist. Das war schon eine Herausforderung, die aber auf jeden Fall Spaß gemacht hat! Und jede Tour ist irgendwie unterschiedlich ... jede Tour ist verschieden. Es gibt ein paar witzige Stories bezüglich der Vorkommnisse auf dieser Tour ... (lacht)
Dass zum Beispiel der Bus irgendwie abgekackt ist auf dem Weg von Hamburg nach Berlin und wir dadurch 300 Liter Sprit verloren haben, weil der Keilriemen den Dieselschlauch durchgehaun hat. Und dann haben wir uns den halben Merchandise versaut, der im Trailer vor sich hin gammelte und ein paar Tage lang mit Diesel getränkt war. Der Bus hat fast Feuer gefangen, etc. Das sind jetzt so die prägnantesten Erlebnisse eigentlich auch schon gewesen. (lacht) Das ist einfach diese Tourfeeling, welches gleich aufkam und dabei diese Kontinuität zu haben, in einem Nightliner zu fahren und sich auch mit den Leuten gut zu verstehen, schöne Partys zu haben und halt irgendwie den Arsch an die Wand zu spielen - das ist immer wieder toll.
Alex: Um noch mal darauf zurückzukommen, dass man das Publikum erst mal erobern muss: Wie genau passiert das, wenn ihr da auf der Bühne steht? Also im technischen Sinne ...
Simon: Es gibt da sicherlich viele Performer - oder sagen wir es mal so: Ich habe dabei den Job des Animateurs auf der Bühne inne. Manche Performer haben sicherlich irgendwelche Geheimrezepte, die sie dafür anwenden, aber ich habe ehrlich gesagt keine besonderen Geheimrezepte. Das ist viel mehr ein ganz intuitiver Prozess. Das kann ich auch schlecht erklären, weil du dann ja auf der Bühne ziemlich auf das fokussiert bist, was du selbst gerade machst. Du hast dann auch nicht die Zeit auf wirklich alle Befindlichkeiten eines jeden Einzelnen im Publikum Rücksicht zu nehmen. Aber so ein Credo bei uns ist, dass wenn wir merken - was Gott sei Dank selten genug passiert, aber es kommt irgendwann mal bei jeder Band vor und ist uns auch schon passiert -, dass es irgendwie gar nicht zünden will, weil warum auch immer, dann legst du entweder noch eine Schippe drauf, weil du das Gefühl hast, dass die noch zu müde sind oder dass die sich noch nicht trauen. Oder du fährst vielleicht einen Gang zurück,weil es vielleicht ein bisschen zu overdressed ist, was du da so machst. Das sind eigentlich so die beiden einzigen Optionen, die ich mir zurechtlege. Es gibt dann nur Vollgas oder vom Gas runter - für mich jetzt persönlich. Und das hat eigentlich auch immer ganz gut funktioniert.
Alex: Es gibt ja viele Bands, bei denen die Showelemente einen sehr großen Teil des dargebotenen Gesamtpakets ausmachen. Wenn man nun diese Show abziehen würde, dass nur noch die nackte Musik übrigbleibt - zum Beispiel Rammstein ohne Pyros und Feuer - wie steht dann diese Musik noch für sich selbst da? Kann sie überhaupt allein für sich selbst da stehen, oder doch nur in Verbindung mit diesen Showelementen?
Simon: Wie legen auch Wert auf Showelemente, wodurch wir auch gewisse Abläufe haben, die sehr ähnlich sind bei den einzelnen Shows. Und es gibt auch sehr viel Interaktion bei uns auf der Bühne. Insgesamt also viel Bewegung, viel Dynamik, was es einfach spannend macht es so mit anzugucken. Das muss ich an dieser Stelle einfach mal sagen, weil es genau das Feedback ist, dass ich regelmäßig zu hören bekomme. Keine Ahnung, wenn ich im Publikum stehen und Cryptex sehen würde, weiß ich ja nicht, wie ich selbst reagieren würde. Aber ich kann sagen, was ich von ungefähr 95 % der Leute zu hören bekomme.
Das sind halt so unsere Showelemente, die recht wichtig sind und wo die Leute Cryptex mit assoziieren. Wenn man die wegnimmt, könnte ich mir schon gut vorstellen, dass die Musik trotzdem noch lebt, weil viele Leute auch passiv Cryptex für sich entdecken. Das bedeutet ja, dass sie nicht unbedingt bei einem Live-Konzert dabei sind, sondern einfach nur die Musik passiv auf der Platte hören und trotzdem entweder Fan werden oder zumindest interessiert sind und deshalb zum Konzert gehen. Da können sie dann ein anderes Erlebnis haben. Wir legen großen Wert darauf, dass so eine Live-Show immer anders ist, als die Platte, damit man dadurch zwei verschiedene Erlebnisse hat. Cryptex auf Platte mit passivem Hören ist ein ganz anderes Hörerlebnis - aber auch gut - als bei einer Live-Performance.
Und wenn wir dann auf der Bühne stehen wie die Blumentopfmusiker, wenn halt alle Showelemente wegfallen würden, dann ... naja, wir können es ja mal probieren, aber ich könnte mir vorstellen, dass es trotzdem gut funktioniert, weil viele Leute auch einfach sagen würde: "Ich habe für zehn Minuten die Augen zu gemacht und dadurch habe ich besser fühlen können, was ihr gemacht habt." Das habe ich auch ganz oft. Da scheint es also wohl doch zu funktionieren, wenn der visuelle Aspekt mal wegfällt.
Alex: Euer erstes Album ist 2011 unter dem Titel "Good Morning, How Did You Live?" erschienen. Haben sich die Songs, die da drauf waren, über die Jahre auf der Bühne entwickelt?
Simon: Die Songstrukturen selbst, die verändern sich nicht eklatant. Aber wir nehmen uns auf der Bühne schon einen gewissen Freiraum für Improvisation, weil es einfach auch für uns sehr wichtig ist, dass so ein Live-Konzert doch etwas lebendiger ist. Weil, wie ich gerade schon sagte, passives hören hin oder her: Wenn du halt 1:1 auf der Bühne das kopierst, was du auf Platte hörst, dann ist das für mich persönlich nicht unbedingt ein spannendes Live-Erlebnis. Deswegen gibt es so gewisse Sachen, so gewisse Passagen, die man zum Beispiel hier mal kürzer macht oder ausdehnt, wie bei „Dance Of The Strange Folg“. Das ist vielleicht das beste Beispiel, es hat sich bei der Pain of Salvation-Tour so eingegroovt, dass wir dann plötzlich von Martin so einen Off-Beat-mäßigen Reggae-Part gespielt bekommen haben. Das war bei der dritten oder vierten Show damals. Das haben wir seitdem einfach so beibehalten und machen das irgendwie immer wieder.
Für die Leute ist das so der Connection Point für die Leute, weil wir sie spätestens dort meistens überzeugt haben. Oder bei de Mundharmonikapart von „It's Mine“. Und das steigert auch schon das Publikumsinteresse, wenn man die Songs etwas lockerer verpackt und sie nicht so ganz flippchartmäßig abarbeitet. Dann kommt das schon ganz gut. Ich denke also schon, dass sich die Songs da entsprechend verändern. Es ist auch stimmungsabhängig. Manchmal klingt so ein Song, wie „Alois“, der ja eigentlich sehr ruhig ist, der klingt dann auch mal viel mächtiger live. Bei einem anderen mal klingt er vielleicht wieder eher zurückhaltend. Das ist halt einfach eine gewisse Live-Dynamik, die wir haben. Das finde ich sehr wichtig ... Um die Frage zu verkürzen: Ja! (lacht)
Alex: Wenn du schon Stimmungen ansprichst, lasst ihr euch als Band von äußeren Gegebenheiten, also zum Beispiel vom Wetter beim Songwriting beeinflussen?
Simon: Oh ja! Auf jeden Fall ... ich lasse mich ganz selten von Bands inspirieren, sondern eigentlich nur von äußeren Einflüssen aus meiner Umwelt beeinflussen. Ich glaube wir haben alle drei ziemlich sensible Antennen für so etwas. Das kann manchmal auch weh tun und es kann auch anstrengend sein, weil ... ich komme halt zum Beispiel aus einem ganz fiesen Kaff. Das ist manchmal auch echt schwierig. Ich will hier jetzt aber auch nicht zu sehr abdriften, aber bei mir ist es halt ganz extrem. Das geht so weit, dass sich fast schon eine regelrecht fiese Verhaltensweise an den Tag legt, die fast schon in Depressionen umschlagen kann. Und daraus entsteht dann teilweise auch schon Kreativität. Ob die immer in Musik kanalisiert wird? Das ist nicht unbedingt zwingend, aber oft genug passiert es. Was mich auch oft sehr beeinflusst, sind Filme. Ich bin ein riesen Filmfan und ich finde, dass Filme einem schon ziemlich umhauen oder frusten können. Das sind so meine äußeren Einflüsse, also ganz starke Elemente für Produkte kreativer Art.
Alex: Wenn jetzt irgendwelche Emotionen, seien es Depressionen Freude oder was auch immer, da rein kommen in die Songs, wo ziehst du dann die Linie zwischen dem professionellen Musikgeschäft, dem Privaten und dem Künstlerischen?
Simon: Wenn man jetzt ans Songwriting ran geht und so denkt: "Okay, wenn ich das jetzt schreibe, dann muss ich vielleicht den Business-Aspekt ein wenig im Fokus haben", dann macht das keinen Sinn. Das würde man dann nur verkorksen. Das beste was du machen kannst, ist es einfach fließen zu lassen und letztlich, es mag vielleicht harsch klingen, einfach drauf zu scheißen. Das muss man halt einfach so konsequent durchziehen. Entweder verstehen es die Leute dann, oder eben nicht. Du bist dann vielleicht total nackt als Musiker in diesem Moment und gehst ein großes Risiko damit ein, aber das ist ja gerade das Schöne und Spannende dabei.
Deswegen versuche ich da auch immer voll reinzupreschen. Ich bin da eigentlich auch ziemlich schonungslos und gehe mit allen möglichen Themen, die bei mir privat oder in allen möglichen anderen Bereichen abgehen, bei der Arbeit mit Texten extrem schonungslos mit um. Aber wenn ich manchmal etwas nicht ganz genau auf den Punkt bringen will, dann greife ich zum allseits beliebten Werkzeug der Metapher. Unsere Texte sind ja hin und wieder auch recht metaphorisch und zweideutig. Alles in allem Siebe ich aber nichts aus beim Songwriting. Das machen wir alle in der Band so.
Alex: Ist denn Musik von den Inhalten her im Allgemeinen etwas, was den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft oder unseres persönlichen kleinen Mikrokosmos widerspiegelt? Oder hat Musik eine Funktion, die vielleicht soweit geht, dass sie die Welt formen und verändern soll?
Simon: Beides! Der Mikrokosmos kann ja plötzlich auch eine Eigendynamik entwickeln, sodass ein persönlich empfundener Mikrokosmos zu etwas ganz Großem wird. Wenn man jetzt mal ein ganz böses Beispiel nehmen will: Kurt Cobain. Der hat seine Sachen sicherlich auch nur in einer gewissen Relevanz zu seinem persönlichen Mikrokosmos geschrieben, aber dass dieser Mikrokosmos dann auf einmal in die Welt hinausgeschleudert wird und sich ganz viele mit genau eben diesem seinem Mikrokosmos auch identifizieren können, das ist - finde ich - die Magie der Musik. Dass du glaubst: "Okay, ich mach hier jetzt ein bisschen eigenbrötlerisch ..." Oasis hatten das mal ganz gut auf den Punkt gebracht: "I start a revolution from my bed". Und das trifft es eigentlich auch ganz gut, dass du einen Song schreibst, der sehr persönlich ist und dein unmittelbares Umfeld umfasst, aber dass du dann wenn du Glück hast und es gespreaded wird, dass du merkst, dass es hunderttausend oder Millionen von Menschen gibt, die genauso denken. Dass sie auch so fühlen oder wie auch immer sich hineininterpretieren können in deine Attitüde der Musik. Das kann dann etwas ganz großes werden. Deswegen sehe ich das halt so zweierlei. Bei beiden Geschichten würde ich dir zustimmen.
Alex: Wenn man die Musik wirklich dazu nutzen kann, Millionen von Menschen zu bewegen, wie findest du es dann, dass Bands wie die Scorpions für sich beanspruchen politische Veränderungen bewirkt zu haben? Da muss ja nur der Songtitel Wind of Change fallen und schon werden Mauerfall und Untergang der Sowjetunion damit verbunden. Und das obwohl der Track erst nach dem Mauerfall, aber vor dem Ende der UdSSR veröffentlicht wurde.
Simon: Da muss man natürlich immer so ein bisschen distanzieren: Ist es wirklich Ernst gemeint von so einer Band, ist es Marketingstrategie oder ist es schlicht und ergreifend Größenwahn? Ich würde Letzteres bei der Band ausschließen, denn ich könnte mir einfach vorstellen, dass dieser Song, der doch relativ zeitnah - nicht genau zu dem Zeitpunkt, aber doch zeitnah - veröffentlicht wurde und dadurch zum Statement der Band beigetragen hat, dafür genutzt wurde, um ihm so einen Push zu geben, den er brauchte, um so ein Welthit zu werden. Ansonsten kann ich dir leider speziell zu den Scorpions nicht viel sagen ...
Alex: Dann nochmal im Allgemeinen: Wie findest du die politische Nutzung von Musik und inwieweit ist das überhaupt gezielt möglich?
Simon: Ich glaube du kannst so etwas überhaupt nicht steuern. Rammstein zum Beispiel, die beeinflussen ja anscheinend riesengroße Massen und dabei beeinflussen sie die Menschen ja sogar in ihrem Denken und teilweise auch in ihrem Handeln. Und da sind sie ja selber so drauf, dass die sich erst mal sagen: „Wir machen doch nur Theater. Wir machen doch nur Kunst. Das verstehen wir nicht.“ Ich glaube so etwas kann man nicht steuern. Entweder es passiert oder es passiert nicht. Ich glaube auch nicht, dass es unbedingt wichtig ist, weil man sich generell nicht auf Erfolg oder so versteifen sollte. Wenn man mit dieser Intention anfängt Musik zu machen, dann braucht man eigentlich gar nicht anzufangen, denn das killt alles.
Aber wenn du das Glück hast, erfolgreich zu werden und dann noch gute Songs schreibst, was ja unmittelbar zusammenhängt, dann kann man was erreichen. Obwohl, wenn man sich heutzutage mal so anguckt, was für Scheiße so im Radio läuft ... aber du verstehst was ich meine? Sobald du das Glück hast, bekannt zu werden, verliert man die Steuerung da drüber. Jeder Mensch, der interpretiert sowieso die Sachen die du machst, völlig unterschiedlich. Ich wunder mich manchmal, was Songs - die wahrscheinlich aus einer völlig banalen Idee entstanden sind - was die plötzlich auf einmal für Menschen für eine Bedeutung entwickeln. Das ist halt einfach oft extrem spannend, witzig und interessant es mit anzuschauen. Deswegen weiß ich nicht, ob ich diese politische Nutzung gut heißen soll. Jeder muss für sich wissen, was gut ist und seine Aussage finden.
Alex: Wobei gut ... bei einem Pop-Song mit drei Akkorden und zwei Textzeilen wird man immer alles mögliche hinein interpretieren können. Und das ist dann leider die Musik, die die breite Masse anspricht.
Simon: Eben! Aber du kannst auch in einen elf minütigen Epos mit 160 Zeilen Text und hast du nicht gesehen. Da kannst du ja auch interpretieren, bis du schwarz wirst.
Alex: Aber ist es denn nicht gerade bei so komplizierter Musik wiederum nur für einen begrenzten Kreis von Menschen überhaupt möglich zu verstehen, was die Musik aussagen soll?
Simon: Das stimmt ... da gebe ich dir auf jeden Fall Recht.
Alex: Das führt ja zwangsläufig zum Gedanken, dass man als Musiker ja fast schon eine Art Bildungsauftrag hat. Kann man das so sehen? Dass man die Menschen vor verblödender Musik bewahren muss ...
Simon: Ein Bildungsauftrag? Ich glaube, dass es für mittelschwer intelligente Musiker eigentlich gar nicht möglich ist beschissene Musik zu schreiben. Natürlich geht das. Dieter Bohlen zum Beispiel, da müssen wir uns nichts vormachen, der ist Geschäftsmann und der wird wohl auf den Kopf gefallen sein, dieser Mann. Er fabriziert ja auch nur Scheiße. Aber irgendwie muss man sich heutzutage schon bei all dieser Plastikscheiße irgendwie so als Bildungsbeauftragter sehen und sich auch dementsprechend verhalten. Dabei ist es wichtig, dass man mit der Musik den eigenen Horizont als Hörer und als Musiker erweitern kann. Das ist schon wichtig. Deswegen würde ich Musiker als Bildungsbeauftragte sehen, aber ob wir uns dazu zählen können? Das weiß ich nicht ... ich glaube so weit sind wir noch nicht. Da können wir uns in fünf Jahren vielleicht nochmal drüber unterhalten.
Alex: Was kannst du denn zu den Möglichkeiten der musikalischen Bildung in Deutschland sagen? Bist du zufrieden mit dem Angebot, kann der Staat, oder besser gesagt die Politik da noch nachbessern?
Simon: Also ja, das finde ich schon! Ich habe da zwar leider nicht den vollen Überblick über die Lage, aber ich weiß halt, dass es in jeder Kommune musikalische Förderungsprogramme und oft sogar eigene Proberäume gibt. An den Schulen gibt es gute Instrumente - das muss auch mal gesagt werden, da das gar nicht so selbstverständlich ist. Ich vermute mal, dass es nicht allen Ländern Europas so ist, da wird Deutschland schon ziemlich weit vorne beim Angebot liegen. Es gibt hier ja auch eigene Künstlerakademien, wo man für das Leben als Musiker gut vorbereitet wird und auch Dinge übers Management, Booking und ähnliches erfährt.
Für junge Bands ist so etwas super nützlich! Da ist es möglich die ganze Foundation beigebracht zu bekommen. Das ist zwar hier in Deutschland oft mit viel Bürokratie verbunden und nicht unbedingt jeder, sagen wir mal Talentlose, kann an solche Schulen kommen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass in anderen europäischen Ländern ein solche breites Angebot existiert. Man denke zum Beispiel auch an die Pop-Akademie, da wurde in Deutschland insgesamt also ziemlich viel getan auf diesem Gebiet.
Du hast hier vor allem auch die Möglichkeit an eine solche Schule zu gehen und zu sagen: "Ich möchte Tonassistent lernen." Oder man wird zum Beispiel Diplom-Toningenieur. Da brauchst du teilweise auch kein Abitur dafür haben, wenn du gewisse musikalische Fähigkeiten vorweisen kannst.
Alex: Bei all der guten Infrastruktur in der deutschen Musikszene ist mir doch aufgefallen, dass viele große Musiker, wie Stu Cook von Creedence, oder Francis Rossi von Status Quo, der Ansicht sind, dass die Musik heute nicht mehr den gleichen Stellenwert in unserer Gesellschaft hat, wie damals zu ihrer Jugendzeit. Was würdest du als heute junger Musiker dazu sagen?
Simon: Ja, das hat sich alles geändert, aber ob man tatsächlich sagen kann, dass die Musik weniger wert ist in unserer Gesellschaft als damals, das ist schwer zu sagen. Vielleicht haben sich die Prioritäten bloß etwas verschoben? Ich kann mich noch erinnern, wie mir von älteren Leuten erzählt wurde, dass sich damals die Leute schon ab Mittwoch oder Donnerstag förmlich die Finger danach geleckt haben, endlich am Freitag nach Feierabend in irgendeine Sporthalle zu fahren, weil da irgendwo eine Band live spielen sollte. Der „Hans“ hat dann eben auch 'ne Band und dann heißt es lass uns doch hin und so ... Da konnte auch jeder „Hans“, der sich irgendeinen Scheiß zusammen spielte vielleicht vierhundert Leute anlocken, weil es einfach klar war, dass man an dem Tag Livemusik hören wollte. Da hat dann irgendeine Schweinekapelle gespielt - so ganz niedlich, als sich das schon kultiviert hatte mit dem Rock'n'Roll - und man ging trotzdem hin. Aber das war einfach egal, weil dieses Musikerlebnis ein wichtiger Bestandteil der Nachkriegsgeneration wurde, wo man so etwas erst mal gar nicht kannte. Das sorgte bei denen für Begeisterung.
Und was ist heute? Heute sind alle so lame geworden, so phlegmatisch und für nichts mehr zu begeistern, es sei denn das ist nur so ein kurzweiliger Schund, der sowieso nicht lang hält. Dann gibt es auch wieder so eine ruckartige Flashmob-Geschichte, die vier Wochen dauert und dann war's das auch schon wieder ... weißt du, wenn du den Markt beobachtest, dann merkst du, dass es heute gar keine Kunst mehr ist, seine Platte in den Laden zu kriegen. Musik ist eine Art Wegwerfgut geworden. Jede Kartoffel-Kombo kann mit den heute angebotenen technischen Hilfsmitteln theoretisch ein Album produzieren. Eine Konsequenz davon wäre, dass die Leute irgendwann gar nicht mehr wissen, was eigentlich gute Musik ist.
Da kann ich jetzt wieder nur zitieren, das ist nämlich wie mit dem Jungen, der immer ruft, dass der Wolf kommt. Wenn er dann tatsächlich mal kommt, als Metapher für die gute Musik, dann kriegt es keiner mehr mit, weil wir von so viel Musik umgeben sind, die als großartig gepriesen wird, es aber eigentlich nicht ist.
Alex: Es gibt ja viele lustige Filme, die mit dem „Spirit of Rock“ so ein wenig koketieren und die Protagonisten klischeeerfüllt den Weg nach oben suchen lassen. Man nehme zum Beispiel „Kings of Rock“, „The Rocker“ oder auch „Waynes World“. Das ist zwar alles sehr lustig, aber wie viel Wahrheit steckt in diesem vermittelten Bild?
Simon: Ich glaube, dass man diesen Weg nach oben durch eine innere Überzeugung, die man haben muss, beschreiten sollte. Über solche Musikbusinessgeschichten mache ich mir auch viele Gedanken, weil wir ja auch irgendwie nach oben wollen. Und jeder Musiker, sag ich mal - also jetzt nicht falsch verstehen, damit will ich nicht widersprüchlich zu meiner vorherigen Aussage vor zehn Minuten sein, dass wenn man Erfolg will man sowieso aufhören könne. Aber so meine ich das gar nicht, denn jeder Musiker will ja irgendwie doch nach oben kommen, ne? Viele Musiker haben ihre Ziele so gesetzt, dass sie ganz oben sind, wenn sie wissen, dass sie eine eingeschworene Fangemeinde haben und fünfzehn Konzerte im Jahr im Umkreis von 60 Kilometern spielen. Die wissen dann auch, dass jedes mal die 150 Fans sicher kommen. Das sieht jeder für sich anders. Für die anderen ist es erst Ernst genug, wenn sie eine Villa in Hollywood haben. Das ist halt auch alles irgendwie relativ ...
Aber sobald ich zum Beispiel auf die Bühne gehe - ich möchte das jetzt mal an mir festmachen - dann schalte ich jedes rationale Denken aus. Rational insofern, dass ich immer noch konzentriert bin und weiß was ich tue. Aber ich schalte dabei einfach ab und bin nur ich selbst. Und da fällt uns auf, dass uns das die Leute extrem hoch anrechnen. Die Leute merken einfach, dass da jemand ist, der Authentizität verkörpert. Ob ich jetzt wie in den Filmen einen Stereotypen verkörpere, also so rockermäßig? Weiß ich nicht, kann sein! Und ob das auch so der einzig wahre Weg ist nach oben zu kommen? Keine Ahnung ... ich glaube, dass Authentizität, Mut und Kraft aber auch Entschlossenheit ganz wichtig sind. Du wirst nämlich in kaum einem anderen Berufszweig so derbe Rückschläge so schnell erleben können, wie im Musikgeschäft.
Auch ist es wichtig seinen Humor weiterhin zu behalten. Wenn du den verlierst, dann kannst du dich wohl einäschern lassen. Das wären wohl für mich einfach so die wichtigsten Komponenten, um nach oben zu kommen und im Musikgeschäft zu überleben.
Alex: Klingt sehr spannend! Was steht denn noch für eure persönlich Zukunft alles an?
Simon: Bei uns steht ab dem 18. April die „Animate Your Legs Tour“ an. Da geht's im Zuge dieser unserer ersten Headliner Tour dann mit zehn Konzerten durch drei Länder. Das steht halt jetzt direkt an und im Sommer folgen dann noch einige Festivals. Danach werden wir uns allmählich in die heiße Phase des Songwritings wieder begeben, damit wir 2014 die zweite Platte rausbringen können. Das ist erst mal so der Plan. Bis jetzt sind auch sechs Nummern für die neue platte schon fertig. Dann geht's im nächsten Jahr hoffentlich fröhlich weiter mit neuen Veröffentlichungen und neuen Europatourneen oder einer Europatour. Dann aber wahrscheinlich wieder als Support
Alex: Steht auch für Hamburg oder Umgebung etwas an?
Simon: Ich glaub da ist Osnabrück das nächstgelegene und dann noch Kiel. Hamburg ist jetzt leider nicht drin, weil wir ja gerade erst mit Threshold dort in der Markthalle waren. Das ist dann häufig so, dass die Veranstalter sagen: "Ja, ne ... zwei mal die gleiche Band innerhalb eines Zeitraums von drei Monaten ist doch nicht so gut." Deswegen ist Hamburg jetzt nicht noch mal im Paket. Wir hatten uns aber eigentlich auch gedacht eher im Marx zu spielen, als in der Markthalle. Für uns alleine wäre die noch etwas zu groß. So oft zu kommen lohnt sich für den Veranstalter erst, wenn man 300 Leute anschleppt.
Hamburg ist aus metallischer Sicht auch irgendwie ein ein Politikum für Bands, die von außerhalb kommen. Ich sag auch ständig den Leuten, die dafür zuständig sind, dass wir von Cryptex sind und die meinen: "Ja, ich kenn' euch doch!" Dann frage ich: "Könnte es mal möglich sein, in dem kleinen Laden zu spielen?" Das sind dann so kleine Läden, wo mit dreißig Leuten alles ausverkauft ist. Dann kommt meistens als Antwort: "Äh, weiß ich nicht ... alles ausgebucht". Naja, Booking ist auch so eine Wissenschaft für sich. Gott sei Dank haben wir dafür unsere Leute von Dragon Productions, die uns unter die Arme greifen und auch Bands, wie Pain of Salvation betreuen. Booking ist ein echt undankbarer Job ...
Alex: Alles klar! Dann bedanke ich mich für das ausführliche Interview und wünsche alles Gute für die Zukunft!
Simon: Vielen Dank für deine Zeit!
Moderation: Alexander Kipke
Wer in das aktuelle Album „Good Morning,How Did You Live?“ von 2011
reinhören möchte, kann dies hier tun:
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Kommentare von Besuchern

23. April 2013, 4:22
memnges sagt:
Die aktuelle WoW-Raid-Instanz Thron des Donners bietet mit Ra-Den wieder [url=http://www.woweuvip.de]wow gold kaufen[/url] einen Bonusboss für den heroischen Modus. Der Titanenwächter wurde mittlerweile von den ersten Gilden besiegt - [url=http://www.woweuvip.de]wow gold[/url] und die Teams von Method und Blood Legion veröffentlichen nun Videos ihrer Firstkills.

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