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Interview: Arkona

mit Sergei Lazar vom 10. März 2013 in der Markthalle, Hamburg
Wer kennt nicht die Situation, dass man sich in einer Sprache ausdrücken muss, die man nicht beherrscht? Sei es als Tourist im Ausland, wo man sich von der einen alltäglichen Situation irgendwie zur nächsten hangelt, oder sei es als Schüler im Englisch-, Französisch-, Latein- oder Spanischunterricht. Es erzeugt im Menschen fast schon eine Art Unwohlsein, wenn man sich in einer Situation befindet, in der man sich nur mit Händen und Füßen ausdrücken kann. Gut, in der Schule oder im Urlaub, da mag es halb so wild sein, aber was wenn man berufliche viel unterwegs ist und als international agierender Profi auf seinem Berufsfeld regelmäßig gute Kontakte ins Ausland pflegen muss? Da wird's dann richtig kompliziert.
Die russische Pagan Folk Metal-Band Arkona gehört zu diesen professionellen Akteuren in der internationalen Musikindustrie, die völlig ohne jegliche Kenntnisse der englischen Sprache seit nunmehr zehn Jahren durch die Szene geistern und von Album zu Album immer mehr Fans um sich scharen kann. Doch wie überlebt man so inmitten all der international aktiven Bands? Allein schon beim Paganfest 2013, im Zuge dessen wir uns mit Gitarrist Sergei Lazar trafen, waren Bands aus Schottland, Schweden, Deutschland, Ungarn, Finnland und Kanada zusammen unterwegs. Wie verständigt man sich dann mit seinen Kollegen on Tour? Oder mit den Fans, von denen man ja auch nicht erwarten kann, dass jeder von ihnen der russischen Sprache mächtig ist? Bringt es noch etwas die Sprache jetzt im „fortgeschrittenen Alter“ zu erlernen? Wird die Band vielleicht auch mal sogar in einer anderen, als ihrer Muttersprache singen?
Auch berichtet uns Sergei, wann die Fans mit der Veröffentlichung des Nachfolgers für das 2011 erschienene Album Slovo rechnen können. Da sich die Truppe um Mastermind Mascha Archipowa nicht nur enorm viel Zeit für die Aufnahmeprozess nimmt, sondern auch mit jedem Album neue Stilelemente ausprobiert und den Sound wachsen lässt, darf man gespannt sein, in welche Richtung es nun stilistisch gehen wird. Eins sei schon gesagt: Die aktuellen klanglichen Veränderungen sind tiefgreifend. Weiteres gibt es im unten stehenden Interview.
Ein Transkript des Gesprächs findet ihr unter dem Video. Viel Spaß dabei!
Moderation: Alexander Kipke; Kamera: Lars Petruck

Das Interview:

Alex: Hallo liebe Zuschauer, ihr schaut gerade Metal Trails und wir befinden uns heute in der Markthalle in Hamburg. Neben mir ist ...
Sergei Lazar: ... Sergei Lazar, Arkona!
Alex: Wie geht's dir?
Sergei: Großartig, sehr gut! Heute ist der letzte Tag der Tour, morgen komme ich nach Hause zu meinen Kindern. Alles ist gut.
Alex: Was kannst du uns über das Leben eines Musikers on Tour berichten?
Sergei: Sagen wir es mal so, es ist nicht sonderlich interessant. Du fährst von Stadt zu Stadt und gibst im Grunde immer die gleichen Konzerte. Das lässt sich in drei Etappen zusammenfassen: Erstens die Fahrt, dann die Vorbereitung zum Konzert und das Konzert selbst und als drittes dann die Erholung vom Auftritt. Für etwas anderes bleibt dabei keine Zeit.
Alex: Viele Leute glauben ja, dass dieses Leben nur aus Sex und Drogen bestünde ...
Sergei: Das ist nicht wahr ... das ganze Leben zentriert sich um die Familie und die Kinder. Alles andere ist Nebensache. Das ist das Allerwichtigste und wenn man sich das nicht bewusst macht, dann bin ich mir sicher, dass eine solche Einstellung dabei herauskommen wird.
Alex: Und was denkst du über Musiker wie Ozzy Osbourne, die ein solche Leben ja tatsächlich gelebt haben sollen?
Sergei: Ich bin mir nicht sicher, ob sie nur ein solches Leben gelebt haben, sonst hätten sie ihr jetziges Alter nicht erreicht. Ich glaube dass sie so einen Lebensstil hatten, aber ich denke auch, dass der heutige Rock'n'Roll sich nicht nur um Sex und Drogen dreht.
Alex: Viele große Musiker, wie Francis Rossi von Status Quo sagen, dass die heutige Musik für unser Leben nicht mehr so entscheidend sei, wie damals. Würdest du dem zustimmen?
Sergei: Ich weiß nicht, wie es bei denen aussieht, aber bei mir hat sich nichts verändert. Für mich ist Musik genauso wichtig, wie damals.
Alex: Zuerst wollte man uns nicht erlauben ein Videointerview mit euch zu führen, da ihr kein Englisch sprecht. Was kannst du uns dazu erzählen?
Sergei: Wir sprechen kein Englisch! Das heißt wir haben wohl in der Schule schlecht gelernt. Tatsächlich sieht es etwas idiotisch aus, wenn eine Person auf russisch antwortet und eine andere schlecht englisch sprechende Person es zu übersetzen versucht. Deshalb haben wir uns gegen Videointerviews entschieden. Aber weil wir wissen, dass du russisch sprichst, haben wir zugesagt.
Alex: Und wir kommuniziert ihr mit den anderen Gruppen, die zusammen mit euch unterwegs sind?
Sergei: Auf einem primitiven Niveau können wir uns mit ihnen verständigen: Begrüßung und Verabschiedung oder die Frage nach dem Befinden. Das läuft auf einem Niveau, das uns einen Aufenthalt zwischen all den Bands erlaubt. Aber um auf weitergehende Interviewfragen oder Interviews zu antworten, dass es korrekt aussieht, ist unmöglich.
Alex: Habt ihr schon mal daran gedacht die englische Sprache zu erlernen?
Sergei: Alles zu seiner Zeit. Lernen muss man, am besten wenn man 15 Jahre alt ist und keine anderen Sorgen hat. Aber wenn man im Idealfall nur höchstens sieben Stunden Zeit zum Schlafen hat, dann fällt es schwer noch zu lernen. Ich hatte versucht on Tour etwas zu lernen, aber da arbeitet das Hirn nicht so gut. Wir sind aber soweit, dass wir von dem Niveau, dass wir gar nicht sprechen können zum Niveau, dass wir etwas sprechen können, übergegangen sind. Dadurch können wir uns mit Kollegen und Freunden etwas unterhalten, aber nicht mehr.
Wir sprechen die Sprache der Musik. Dementsprechend ist das eigentlich gar kein Problem. Mascha, unsere Frontfrau, die kennt einige Phrasen, die sie auswendig gelernt hat. So kann sie sich zwischen den Songs ausdrücken, aber das sind auch hier wieder nur primitive Phrasen. Für einen Menschen, der sich auf der Bühne befindet ist das sicherlich kein Problem, wenn die Leute die zum Konzert kommen nicht wissen, dass die Band nicht so gut englisch spricht. Dann verzeihen sie vielleicht auch den einen oder anderen Fehler. Aber auch hier wieder: Für ein Interview reicht das nicht aus. Die Kenntnisse reichen, dass wir uns zwischen den Bands aufhalten können. Aber um uns auf höherem Niveaus auszudrücken reicht das leider noch nicht aus.
Alex: Könntet ihr euch denn vorstellen mal zumindest einen Song auf englisch zu recorden?
Sergei: Die Idee kam bei uns nie auf, weil wir mit dem Pagan Folk Metal einen ganz bestimmten Stil spielen. Das heißt, dass wir die Metal-Kultur präsentieren, welche sich mit unseren ethnischen und nationalen Wurzeln überschneidet. Deshalb macht es keinen Sinn auf einer Sprache zu singen, die nicht deine Muttersprache darstellt. Deshalb kam diese Idee auch nie auf ... es kann passieren, dass wir irgendwann mal Songs in den zu unserer Muttersprache verwandten Sprachen aufnehmen, wie zum Beispiel auf Serbisch oder Polnisch, auf Deutsch oder Englisch jedoch nicht.
Alex: Was bedeuten für dich überhaupt die Worte "Pagan" und "Folk"?
Sergei: Pagan ist in erster Linie die heidnische Weltanschauung der Menschen, die sich als Autoren von Musik und Texten präsentieren. Also Musik und Text, die eine bestimmte Weltanschauung oder Ideologie transportieren. Das heißt, dass es sich dabei eigentlich um jede Musik handeln kann, auch abseits vom Metal oder Folk Metal. Es kann also jede Musik sein, in der der Künstler seine heidnischen Ansichten deutlich macht. Folk ist die Musik, des Volkes, zu dem du gehörst. Das heißt, dass Folk im Prinzip ohne Pagan und Pagan ohne Folk existieren können. Die beiden Anschauungen sind nicht miteinander verbunden.
Alex: Kann man denn sagen, dass Pagan eine Religion darstellt?
Sergei: Religion ist ein sehr starkes Wort. Es passt eigentlich auch nicht ... wobei Religion ja etwas Vereinendes ist. Ich würde sagen, dass es doch eine Religion sein kann. Aber es ist kein Glaube. Man glaubt an etwas Übernatürliches. Als Religion ist es die Sicht der Personen auf die sie umgebende Welt, das Leben und auch das Verständnis der ihn umgebenden Welt. Damit ist es eine Religion. Eine Religion kann für den Menschen eigentlich auch die Musik sein, oder seine Arbeit und seine Familie. Diese Form von Religion ist, wie es mir scheint vor dem Christentum üblich gewesen. Als der Mensch eins mit der Natur war, hatte er eine bestimmte Religion und bestimmte Ansichten gegenüber der ihn umgebenden Welt. Im Grunde könnten wir auch heute so leben wie unsere Vorfahren. Das bedeutet aber nicht, dass man dafür irgendwo in einer Hütte hausen oder Wasser aus dem Brunnen trinken muss. Es geht einfach um das Verständnis der Welt und das Leben in Harmonie.
Alex: Viele Leute, mit denen ich über die Pagan-Szene sprach, die glaubten, dass die Leute aus der Szene irgendwelche Steine oder Blumen verehren. Das klingt so ja schon ziemlich lustig. Was kannst du uns dazu erzählen? Gibt es da irgendwelche Rituale oder Zeremonien?
Sergei: Alle Zeremonien muss man als eine Art Rekonstruktion betrachten. Das heißt, dass sich die Leute mit den Ritualen beschäftigen, von denen sie glauben, dass sie in der Vergangenheit existiert haben. Natürlich hat bis zu unserer Zeit nichts Konkretes überlebt, anhand dessen man sagen könnte, wie es im Detail ablief. Deshalb versuchen die Leute es zu rekonstruieren. Wenn das aber seriös betrachtest, dann ist das wirklich lustig. Die heidnische Weltanschauung definiert sich nicht über das Anbeten von Steinen. Der Mensch betet die Natur an, was alles um uns herum befindliche einschließt. Das bedeutet, dass die Natur ein Gott ist. Der Heide betete also nur einen Gott an und versucht mit ihm im Einklang zu leben.
Alex: Ihr habt vor kurzem ein neues Live-Album veröffentlicht. Was kannst du uns darüber erzählen?
Sergei: Dieses Album kommt zur Feier unseres zehnjährigen Bandjubiläums heraus. Die Band besteht schon seit zehn Jahren und deshalb war es nötig einen Querschnitt unseres Schaffens zu präsentieren. Man hätte dafür neue Songs schreiben können, oder irgendetwas in die Richtung, aber wir haben das anders gemacht. Wir haben ein prall gefülltes Live-Album aufgenommen, auf dem die Songs in neuem Arrangement drauf sind. Einen Chor und ein Orchester haben wir eingeladen, mit denen wir dann die Struktur der Songs geändert und das neu arrangierte Material in dem neuem Gewand einspielten. Damit haben wir einen Querschnitt durch unsere Arbeit aufgezeichnet. Deshalb darf man das Live-Album nicht einfach als Live-Aufzeichnung der Songs ansehen. Viel mehr ist das eine neue Perspektive auf altes Material.
Die zuvor im Studio aufgenommenen Songs klingen auf dem Live-Album anders. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe: eine ganz andere Atmosphäre und überhaupt eine ganz andere Darbietung. Wenn du im Studio etwas einspielst, dann kannst du in der Regel bis zum Schluss nicht ganz einschätzen, wie es dann final als Live-Song klingen wird, weil ein Song seine endgültige Form erst bekommt, wenn man ihn, sagen wir mal mehr als ein Jahr oder über mehrere Jahre hinweg spielst. Es verändert sich dann von der ursprünglichen Version weg. Deshalb muss man sich auch gar nicht anstrengen live anders zu klingen, da eine Studioversion am Ende immer anders klingen wird, als eine Live-Version.
Alex: Manche Bands probieren dann auch ganz neue Versionen aus, zum Beispiel a-Capella, Instrumentals, oder ähnliches. Habt ihr darüber schon mal nachgedacht?
Sergei: Damit kommen wir wieder zurück zur aktuellen Live-Scheibe: Das haben wir schon gemacht. Im Prinzip sollte man sich aber nicht zur sehr in die alten Werke vertiefen, sondern Neues produzieren.
Alex: Und wann kann man mit neuem Material rechnen?
Sergei: Die Songs sind schon fertig, wir müssen mit dem Repetieren beginnen und ich denke, dass wir bis zum Ende des Jahres das Album aufgenommen haben.
Alex: Was kannst du uns schon darüber erzählen?
Sergei: Die Musik hat sich sehr verändert. Sie klingt nicht mehr so heavy und die Songs haben eine weitestgehend komplizierte Struktur bekommen. Es finden sich viele Elemente des Hard Rocks wieder, stellenweise aus der Musik der Siebziger Jahre. Auch sind die Songs länger geworden. Wir versuchen von Album zu Album unseren Sound zu verändern, wobei jetzt sehr starke Veränderungen auf den Hörer zukommen. Im Grunde werden wir jetzt eine ziemlich andere Musik spielen, aber das hängt dann letztendlich alles von den Ideen unserer Autorin ab, also von unserer Leaderin Mascha. So wie sie es will, so macht sie das dann auch. Ja, zehn Leider sind schon fertig und nach dieser Tour muss da etwas gemacht und für die Aufnahme vorbereitet werden.
Alex: Und wie schreibt ihr neue Musik?
Sergei: Unsere Sängerin ist die alleinige Autorin. Sie benutzt das Notenprogramm „Sequenzer“, in dem sie die Tonspuren aller Instrumente schreibt. Das heißt sie denkt sich alles bis zu den Drumspuren alles selbst aus. Und danach beschäftigen wir uns alle einzeln in der Live-Situation damit. Was wir selbst aufnehmen können, das nehmen wir selbst auf oder wir laden Session-Musiker dafür ein. Auch einen Chor oder Musiker für andere volkstümliche Instrumente, die wir nicht beherrschen laden wir zu den Aufnahmen ein. So läuft das. Für die Aufnahmen brauchen wir dann auch ziemlich viel Zeit, in der Regel sechs bis sieben Monate.
Alex: Wird es auf diesem Album irgendwelche bestimmten Session-Musiker geben?
Sergei: Die Ideen dazu kommen uns erst bei der Arbeit am Album. Aber ich bin mir sicher, dass es wieder einen Chor geben wird. Mal sehen, vielleicht kommen irgendwelche Ideen auf, die auf Gastsänger aus anderen Bands hinauslaufen. Das weiß ich alles bisher noch nicht. Das alles befindet sich noch in Maschas Kopf und ich bin mir sicher, dass sie sich dazu schon etwas denkt und auch etwas Konkretes will. Ich bin mir sicher, dass es viele Überraschungen geben wird.
Alex: Dann vielen Dank für deine Zeit und für das Interview! Möchtest du noch etwas zur Zukunft der Band erzählen?
Sergei: Gut, dass du die Zukunft ansprichst. Man muss über die Zukunft denken und sie realistisch planen, was auch Mascha in einem Interview sagte. Ich möchte den Menschen auch Respekt voreinander wünschen ... Liebe zu der Familie, den Kindern und zu den Eltern, dass die Menschen in Freundschaft mit ihrem Kopf leben, gesund bleiben und ich möchte mich für das Interview bedanken. Viel Erfolg!
Moderation: Alexander Kipke; Kamera: Lars Petruck
Wer in das aktuelle Album „Slovo“ von 2013
reinhören möchte, kann dies hier tun:
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