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Scorpions – Crazy World

Kritik von: Alexander Kipke
Album-Cover von Scorpions s „Crazy World “ (2013).
„Ein Meilenstein in der Geschichte des Hard Rocks!“
Interpret: Scorpions
Titel: Crazy World
Erschienen: 2013
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Die Scorpions - Was soll man da noch sagen? Diese wohl erfolgreichste deutsche Hard'n'Heavy Band hat im Verlauf ihrer Geschichte so ziemlich alle möglichen Höhen und Tiefen durchlebt. In den Neunzigern, da waren sie auf dem bisher nicht wieder erreichten Höhepunkt ihrer Karriere. Die Hausfrauen-Hymne Wind of Change sorgte für finanziellen Erfolg, vergraulte jedoch gleichzeitig die echten Fans der Band, die die härtere Musik bevorzugen. Beim folgenden Album, das extra zur Rettung der harten Fanbase heavier gestalteten Scheibe Face the Heat war es dann schon zu spät. Die Hausfrauen und auch ganze Familien - welche sich brachiale Konzerte für einen einzigen Song antaten - verschwanden, die alten Fans kehrten nicht zurück und schon ging's in die Versenkung. Wie nah Erfolg und Misserfolg doch beieinander liegen. Aber wir wollen nicht zu weit durch die Geschichte reisen! Konzentrieren wir uns auf den vorliegenden Re-Release, der erstmalig 1990 erschienen ist und genau den besagten Höhepunkt der Scorps markiert.
Tracklist (CD):
1. Tease Me Please Me
2. Don't Believe Her
3. To Be With You In Heaven
4. Wind Of Change
5. Restless Nights
6. Lust Or Love
7. Kicks After Six
8. Money And Fame
9. Hit Between The Eyes
10. Crazy World
11. Send Me An Angel
12. Wind Of Change (Spanisch)
13. Wind Of Change (Russisch)
14. Big City Nights
15. Holiday
16. Hit Between The Eyes
Den Anfang macht, wie soll es bei den Scorps auch anders sein, ein von der Love-Thematik durchtränkter Song. "Tease Me Please Me" bietet diesen locker leichten Groove, der einen sofort packt. Saubere Arbeit am Mikro bietet uns auch Klaus Meine, der zwar keine großen Überraschungen auf Lager hat, aber auf Platte zumindest immer die Töne trifft. Live kann man das ja leider nicht behaupten. Und weiter geht's! "Don't Believe Her" schlägt thematisch in die gleiche Kerbe, wie sein Vorgänger. Rudolf Schenkers Rhytmus-Arbeit passt sich gut an Matthias Jabs heulende Solierangriffe. Das ist der Sound der beginnenden Neunziger. Der Hard Rock auf dem Zenit seiner erfolgreichsten Ära.
Das Intro zu "To Be with You in Heaven" überzeugt auch noch nach über zwanzig Jahren. Beim Refrain wird's dann aber irgendwann zu schnulzig-langweilig. Der eine oder andere wir hier sicherlich skippen. Damit erreichen wir nun auch den Song, der bis heute dafür sorgt, dass die eigentlich früher hart rockende Truppe den Ruf einer Sülzkapelle verpasst bekommen hat. Meiner Meinung nach ist das auch für die Zeit nach Face the Heat bis zum ersten Auftritt auf dem Wacken Ope Air im Jahre 2006 sogar vollkommen gerechtfertigt. Da braucht man nichts schönreden! Was da produziert wurde, kann man sich ja kaum anhören. Aber back to topic: Wind of Change kennt jeder. Da muss man nicht viel zu sagen. Pfeifintro, viel Hoffnung, große Veränderungen warten und man ist voller Erwartungen, was denn nun die Zukunft bringen mag. Das aus musikalischer Sicht. Aus sozial-historischer Sicht, hat dieser Song viel bewegt. Zwar nicht den Mauerfall, wie so oft behauptet wird, doch hat er durch das Festhalten dieser Aufbruchstimmung in eine bessere Zukunft - eine Zukunft, in welcher der Kalte Krieg keine immerwährende tägliche Bedrohung darstellt und die ganze Welt in zwei Blöcke teilt-, den Soundtrack für diese Zeit geliefert. Für unsere heutige einheitsverwöhnte Generation ist es nicht unbedingt leicht zu begreifen, was so ein Stück Musik für unsere Vorfahren bedeutet haben könnte, doch bis heute blieb der Wind of Change der „offizielle Soundtrack“ zur Wiedervereinigung Deutschlands und zur Beendigung des Kalten Krieges.
Mit "Restless Nights" haben wir auch schon das erste Drittel des Silberlings gepackt. Vor allem der Refrain packt einen direkt bei den Fingern und man holt die Luftgitarre aus. Klar, thematisch befinden wir uns immer noch in dem für die Scorps häufig befahrenen Gewässern, aber ich muss hier ausdrücklich die Bass-Arbeit von Francis Buchholz loben. Der Mann hat die Macht des Groovs in seinen Händen. Wer eher auf die Road-Trip-Nummern steht, die man laut im Radio spielt, während der Wind durch die Mähne - oder über die Glatze - zischt, der wird mit "Lust Or Love" gut bedient. Ein wenig an Seventh Key oder Bon Jovi erinnernd, kommen bei vielen sicher Erinnerungen an eine Zeit hoch, in der Hard Rock nicht als Alte-Opa-Mucke galt. Nice.
Der Folgetrack - "Kicks After Six" - setzt das Konzept mit etwas mehr Speed und Pepp fort, bis dann bei dem eher weniger bekannten "Money And Fame" ein energisch treibender Beat den Ton angibt. Insgesamt fällt der Track ein wenig aus dem Gesamt-Schema von Crazy World. Jabs verzerrte backing Vocals tragen da sicher einen gewissen Beitrag dazu bei. Zum Glück kehrt bei der Folgenummer wieder ein wenig Tempo in die Sache ein, sodass einer meiner persönlichen Favoriten - "Hit Between The Eyes" - wieder so richtig Pfeffer in die Suppe streut. "Just when you've had enough, It's really getting tough. I'm ready for that hit between the eyes. Someone get me out of here alive. I'm ready for that hit between the eyes. Can't you see I'm much too young to die?" Ein echte Klassiker! Und die Gitarrenarbeit von Jabs und Schenker zeigt sich in ihrem besten Gewand. Heiße Soli kämpfen sich gegen die Rhythmusfraktion immer weiter bis zum Ende des fulminanten Titels durch.
So, jetzt geht's an den Titeltrack! Jeder kennt das Gefühl, plötzlich ist alles um einen herum irgendwie total abgedreht und verrückt. So, oder so ähnlich, mag es dann vielleicht in dem Moment in den Köpfen der betreffenden Personen klingen. Manch einer wird da vielleicht auch aus den Lyrics eine Art politische Botschaft herauslesen, aber das sollte wohl jedem selbst überlassen bleiben, wie man die Zeilen ausdeuten kann. Mit dem schnulzig triefigen "Send Me An Angel" wird die eigentliche Scheibe nun noch mal so richtig mit der Love-Keule abgeschlossen. Der einsame Wanderer, der sich im Land des Morgensterns verlaufen hat, wird von einem weisen Mann nach Hause geführt. Wen ruft er dabei ständig an ihm einen rettenden Engel zu schicken? Natürlich seine Geliebte! Neben Wind of Cange und Still Loving You ist das eine der erfolgreichsten Balladen der Band. Aber wie schon gesagt, in diesem Fall sind diese Songs auch gleich der Todesstoß für die Scorps gewesen.
Als Audio-Bonus gibt es jetzt noch zwei Versionen vom „Wind der Veränderung“ - eine auf Spanisch und eine auf Russisch - sowie Live-Versionen von Big City Nights, dem ohne den heavy-Part abgenudelten Holiday (die reinste Kastration) und einer zusätzlichen Live-Version von Hit Between The Eyes. Ein netter Bonus, aber auch hier gibt's nichts Neues. Interessanter ist hingegen die Zusaz-DVD, die das 1991 in der Deutschlandhalle in Berlin aufgezeichnete Konzert (fast) vollständig enthält. Kurios aber wahr: Gerade der Song Rock You Like a Hurricane findet sich nirgends auf diesem Output. Der Track, der heutzutage doch überall in unzähligen Versionen verwurstet wird, hat es auf diese Wiederveröffentlichung leider nicht geschafft.
Fazit: Man erkennt eigentlich sofort den gewaltigen Unterschied zu den heutigen Scorpions: Den Verlust von Francis Buchholz und Herman Rarebell! Zusammen gaben sie als Rhythmusfraktion jedem Song ein eigenes Gesicht und Herman selbst hat natürlich auch als Songwriter mit Hits, wie Rock You like a Hurricane oder Blackout einen gewaltigen musikalischen Beitrag geleistet. Speziell auf diesem Album hat er auch an jedem Song mitgewerkelt und seine Credits eingebracht.
Alles in allem zeigt uns Crazy World eine vitale Band auf dem Zenit ihres Erfolgs. Das merkt man der Truppe auch an, sie haben Spaß und lassen der Energie freien Lauf. Jedoch muss ich auch an dieser Stelle erwähnen, dass viele der Songs heute im neuen Live-Kostüm um einiges heavier daherkommen. Wem es also hier noch nicht genug auf die Köppe gibt, der sollte sich die neueren Live-Versionen zusammen suchen, wobei dabei immer Klaus Meines Gesang so ein kleiner Makel sein kann. Der hängt stark von der Tagesform ab. Songtechnisch ist hier sonst nicht viel zu meckern. Als Hörer bekommt man das serviert, was man erwartet und da es sich um einen Re-Release handelt, kann man sowieso kaum große Überraschungen voraussetzen. Als Meilenstein des Genres bekommt Crazy World satte 89% als Endwertung verliehen.
Wer sich für weitere Details aus der Geschichte der Band interessiert, kann auch gerne unsere Interviews mit Herman Rarebell, Michael Schenker und Uli Roth reinziehen. Live-Bilder vom (bisher) letzten Auftritt der Altrocker in der Hansestadt Hamburg findest du hier.
Kritik von: Alexander Kipke

 
Score:
89% Hervorragend!

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