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Interview: Eskimo Callboy

mit Sebastian Biesler und Kevin Ratajczak vom 1. August 2013 beim Wacken Open Air, in Wacken
Aus irgendeinem Grund finden sich im Line-Up des Wacken Open Airs jedes Jahr Bands und Musiker wieder, die gerade erst wenige Jahre seit der Gründung der Band oder seit Beginn ihrer Karriere abgebuckelt haben und dann schon früh im Verlauf ihres Weges auf den Musikolymp ein so großes Festival wie das Wacken bespielen. Neben Harpyie und nullDB fielen bei dieser sonnigen Ausgabe des Events allen voran die Jungs von Eskimo Callboy auf: Eine EP, ein Album und gerade mal drei Jahre Bandgeschichte.
Doch wie ist das mit dem schnellen Weg nach oben? Bleibt man auch dauerhaft da oben, oder ist das nur ein kurzes Gastspiel zwischen den ganz Großen der Musikindustrie? Ein bekanntes Sprichwort besagt ja, dass der schnelle Erfolg nicht lange währt. Oder war dieser Erfolg gar nicht so schnell erreicht worden? Oft hört man ja auch, wie Musiker oder andere Künstler behaupten, dass sie jahrelang geackert haben, um dann über Nacht berühmt zu werden.
Wie man es auch sieht, Eskimo Callboy bieten auf jeden Fall genug Gesprächsstoff, um in aller Munde zu bleiben. Seien es ihre Porno-Lyrics, die humorvoll offene Art mit Fans und Presse umzugehen, oder einfach nur die Gute-Laune-Mucke. Von der Truppe wird man sicherlich noch viel hören.
Viel Spaß beim Lesen des Interviews!

Das Interview:

Adrian Erben: Hallo Freunde, hier ist Adrian von Metal Trails. Wir sind aktuell auf dem Wacken Open Air 2013 und haben heute die Ehre, eine regelrechte Senkrechtstarter-Band interviewen zu können: Die Eskimo Callboys! Bei mir sind Sebastian Biesler und Kevin Ratajczak. Wie geht es euch?
Beide: Uns geht es super, danke!
Adrian: Ihr seid eine sehr junge Band, habt euch erst 2010 gegründet und spielt nun schon in Wacken. Wie habt ihr das geschafft?
Sebastian Biesler: Das fragen wir uns auch schon selbst! Wir waren jetzt bereits an einigen Stationen, an denen wir einfach nur überlegt haben, wie wir jetzt hierher gekommen sind.
Kevin Ratajczak: Ich glaube ich hab da eine kleine Antwort ...
Sebastian: Also eigentlich geben wir immer die gleiche Antwort auf die Frage ... zum Beispiel als wir in Japan waren sagte ich nur: „Leute ist euch eigentlich bewusst, dass wir hier sind, weil wir Texte übers Ficken schreiben?“ Ich glaube die Antwort passt eigentlich überall drauf.
Kevin: Das Ding ist eigentlich, dass seit wir angefangen haben wir eigentlich immer nur gemacht haben, auf was wir Bock haben. Wir haben nicht darauf geachtet, was Leute von uns erwarten oder wo wir dazugehören wollen. Dadurch haben wir auch mega angeeckt, aber die die uns mochten haben uns gerade deswegen gemocht, weil wir das getan haben, was wir wollten. Dadurch bekommst du eine gewisse Authentizität. Das sehen die Leute auch, wenn wir auf der Bühne sind. Wir spielen keine Rollen oder täuschen etwas vor, wir sind einfach so und deswegen haben wir Erfolg … glaube ich.
Adrian: Eine interessante Station in eurer Laufbahn war eure gleichnamige EP. Hat das alles mit der Produktion und Veröffentlichung so geklappt, wie ihr es euch vorgestellt habt?
Sebastian: Hmm, also eigentlich haben wir uns mit der EP ja gar nichts vorgestellt. Der Pascal und der Daniel haben da instrumental gebastelt, das haben wir dann auf die Lyrics gepackt und das hat funktioniert – recht frei von der Leber weg. Wir haben uns mit einem Kasten Bier im Proberaum getroffen und gesagt „Kommt, wir erfinden mal die Musik neu!“. Okay, so war das natürlich auch nicht. Ich sag mal, Bier macht schon kreativ ...
Kevin: … auch dumm!
Sebastian: Ja, auch dumm natürlich! Ja jedenfalls hat sich das ganze dann so herauskristallisiert. Wir haben uns bepisst vor lachen und wir dachten, das wir das Ganze auch mal live machen könnten, mit Kostümen und allem.
Kevin: Wir haben uns da auch gar nicht so viel dabei gedacht, wir wussten schon was wir taten und was wir machen wollten. Vorher hatten wir ja schon andere Bandprojekte, aber es war nie so, dass wir so richtig Bock darauf hatten und dahinter standen.
Sebastian: Also ich hatte immer Bock drauf!
Kevin: Es war nie ganz bei 100%. Bei Eskimo Callboy war das anders, allerdings hatten wir ja auch keine Ahnung, wo das alles hinführt. Wir haben viele Songs weggeschmissen, mit denen wir nicht zufrieden waren. Ich meine uns gab es ja nicht. Irgendwann stand dann aber wirklich die EP, die stellten wir ins Internet und sagten „Schauen wir doch mal, was die Leute sagen!“ Und anscheinend hat's ihnen gefallen.
Adrian: Seitdem seid ihr auch kräftig am Touren. Wie ist es bei euch, würdet ihr sagen, dass ihr den Rockstar Way of Life führt?
Sebastian: Nein, eigentlich nicht. Wir versuchen es zwar, aber irgendwann fehlt dann einfach das Geld. Ich würde mal sagen, die Leute stellen sich das auch anders vor. Wir haben angefangen mit zwei Shows in der Woche oder einer Show in vier Wochen. Da konnten wir auch richtig auf den Putz hauen und abfeiern. Aber jetzt mach das Ganze mal zwanzig Tage am Stück, da siehst du auch anders aus und dann verstehst du auch warum Mick Jagger so aussieht, wie er jetzt aussieht.
Adrian: Die haben aber wahrscheinlich noch andere Sachen eingeworfen?
Sebastian: Ja, das ist es, die haben es nämlich klug angestellt und den Alkoholkonsum durch das ganze chemische Zeug gekontert. Das sollten wir auch mal machen (lacht)
Kevin: Auf keinen Fall! Eskimo Callboy bleibt Drogenfrei.
Sebastian: Och Manno.
Kevin: Das verhält sich ja alles so, eigentlich sind wir auch nur die ganz normalen Typen. Das ist doch überall so. Wenn Fußballer feiern, lassen die es auch krachen. Ich hab früher auch Fußball gespielt und wenn wir am Ende der Saison nach Mallorca gefahren sind, dann ging's da auch ab. Das war aber allen egal! Mit der Band stehen wir jetzt doch schon etwas im Fokus, und da ist das dann schwieriger.
Sebastian: Aber haben wir jetzt wirklich eine Rockstar Attitüde? Eigentlich nicht. So cool so ein Festival auch ist, am coolsten ist doch die Wohnzimmer Atmosphäre. Ich meine, alles das wir hier jetzt auf dem Wacken erlebt haben, das ist absolut unglaublich, da fühlst du dich schon so ein bisschen wie ein kleiner Rockstar. Wir würden uns aber nie selber so definieren, auch wenn wir gerne auf die Kacke hauen, nackt sind und rumknutschen.
Kevin: Als Rockstar musst du auch schon ein bisschen Arschloch sein, aber das sind wir nicht. Wir sind echt sehr wenig Arschloch. Was mich früher bei den Bands immer gestört hat, ist dass du die immer nur auf der Bühne gesehen hast. Die waren vorher kurz Backstage und sind nach dem Konzert auch gleich weg. Wir hängen vor dem Konzert an der Menge oder am Merch-Stand herum.
Adrian: Naja, die gibt es aber alle auch schon etwas länger, oder findest du das nicht? Ich kann mir schwer vorstellen, dass ihr in zehn Jahren immer noch durch die Menge geht und Bock habt dauernd angetatscht zu werden.
Sebastian: Also der schlimmste Feind sind ja eher Catering und Trinken. Ich weiß schon woher die elf Kilos herkommen. Weißt du, beim ersten Song gehst du euphorisch raus und willst rocken, nur um dann nach dem dritten Song schon auf der Stage-Box zu hängen. Wir essen einfach zu gut, wir kriegen auch viel gutes Essen überall.
Adrian: Haltet ihr euch irgendwie fit?
Sebastian: Das ist ein weiteres Problem. Bis auf die Bühnenshow machen wir nichts, wir sind da viel zu faul dazu.
Kevin: Ab und zu packt uns auch das schlechte Gewissen und dann gehen wir joggen. Gerade beim Songwriting-Prozess, aktuell schreiben wir ja an unserem zweiten Album ...
Adrian: Wie weit seid ihr denn?
Kevin: Wir sind mit der Vorproduktion schon fast fertig, fangen jetzt optimistisch gesehen schon bald mit den Aufnahmen an. Es läuft gut. Wir hatten auch mal eine Zeit lang eine Phase, wo wir dachten: "Boah scheiße, ey!" Wir haben da ja auch schon ein bisschen Erwartungsdruck. Du bekommst Ratschläge von anderen Personen, willst es aber auch irgendwie alleine schaffen. Das blockiert dich alles ein bisschen. Du musst dich frei machen und denken: „Das Ding schreib ich jetzt nur für mich selbst“. Irgendwann macht es Klick und dir fällt eine geile Idee nach der anderen ein. Wir arbeiten zwar natürlich an ein paar Lieder gleichzeitig, aber wenn ich so darüber nachdenke sind wir echt schon ziemlich fertig.
Sebastian: Wenn wir so drüber schauen haben wir den Arsch voller Arbeit. Aber besser als nichts zu tun, stell dir vor keiner würde uns sehen wollen! Das wäre ja auch scheiße.
Kevin: Das würde auch keinen Sinn machen und das vergessen manche Leute. Wenn du da auf der Bühne stehst und keiner wäre da, dann würde die Stimmung fehlen. Die Stimmung ist ja grade das, was die Leute an uns gut finden, das wäre ohne die Zuschauermenge nicht möglich.
Sebastian: Du kannst die dollsten Dinger spielen, aber wenn der Funke nicht über springt, macht das Ganze ja keinen Sinn. Aber jetzt spann ich schon wieder einen viel zu weiten Bogen.
Kevin: Ich vergleich' das immer mit Steffi Graf, die war geil damals...
Sebastian: Die war schäbig ohne Ende!
Kevin: Ja, die war wirklich schäbig, aber die hat einen Arm gehabt du, die hätte uns beide gleichzeitig im Armdrücken fertig gemacht. Aber ist ja auch scheißegal!
Sebastian: Das kann man jetzt alles positiv oder negativ sehen, Armdrücken hin oder her, ich glaube die Dame hatte Skills. Aber ich bin eher Federball Fan! Jetzt haben wir es geschafft von Drogen über Songwriting zum Federball zu kommen... (lacht)
Adrian: Okay, dann lasst und doch mal langsam zum Thema zurückkommen. Der typische Konzertbesucher ist ja wohl eher nicht eure Zielgruppe?
Sebastian: Überhaupt nicht! Das ist ähnlich wie beim Summerbreeze, da haben wir die Leute mit kurzen Haaren gezählt und haben nur einen vor der Bühne gesehen und dachten uns, dass das ja gar nicht funktionieren kann. Das Summerbreeze war super und auch Full Metal Cruise, wo die ganzen alteingesessenen Metaller sitzen, aber wir saßen da und dachten uns „Was machen wir eigentlich hier?“ Und jetzt das Wacken hat mir gezeigt, dass Metaller viel aufgeschlossener sind, als man immer denkt. Das finde ich richtig faszinierend, dass da soviel bei Leuten geht, die die Musik normalerweise ja gar nicht hören.
Kevin: Das ist echt geil. Allerdings denke ich manchmal, bei uns kommt es gar nicht auf die Mugge an sich an, eher auf die Musik-Art und auf die Laune die entsteht. Viele Leute hören uns ja gar nicht auf CD und so, sondern kommen nur live und denken „Das ist geil!“. Das beste Beispiel hierfür ist war die Full Metal Cruise, da waren etliche ältere Metaller, in etwa im Alter meines Vaters, die zu uns kamen und sagten, was ihr macht ist geil, endlich mal ein frischer Wind. Das war nicht nur Standfußball und ein bisschen wippen, das war Action!
Sebastian: Das ist ja der Grund dafür, warum du das Ganze machst. Es ist geil zu sehen, wie die Leute darauf reagieren und wie es ihnen gefällt, das ist alles ein Geben und Nehmen zwischen Band und Zuschauern. Wir senden eine Message aus...
Adrian: Mit euren Lyrics?
Sebastian: Ja, die Lyrics lassen wir jetzt erst mal außen vor. (lacht)
Adrian: Die Lyrics sind auch noch ein Thema, das ich auf dem Zettel habe ...
Sebastian: Das hab ich mir schon gedacht. Ja, jedenfalls was ich meine, es ist schon geil wenn die Menge dir was zurückgibt. Das flasht dich und du bist überrascht wenn du merkst was wirklich alles geht.
Kevin: Ich weiß noch, auf unserer ersten Tour waren wir in Karlsruhe und in der ganzen Stadt war einfach nichts los. Es waren auch nur etwa 50 Mann da, aber die die da waren haben wir so gerockt und wir hatten alle so viel Spaß zusammen, das war echt nur geil. Manche Künstler haben bei so wenig Leuten ja gar keinen Bock, aber ich fand das geil und ich würde das nicht missen wollen.
Sebastian: Wir haben uns da auch echt überlegt, was wir tun können um die Halle vollzukriegen, Popcorn verteilen und so etwas. Die haben echt alles gegeben und das war absolut super.
Adrian: Es gibt ja kaum eine bessere Werbung für einen Live Act, als gute Stimmung ...
Sebastian: Ja, das ist auch das erste gewesen was so rumgegangen ist. Du hast immer gehört Mugge ist scheiße, Stimmung ist geil. (lacht) Ich sehe das natürlich ein bisschen anders, ich finde unsere Musik ist durchaus annehmbar. Schau mal, der dahinten hat ein Heino-Shirt an ...
Adrian: Der wird ja heute Abend mit Rammstein auf der Bühen sein ... schaut ihr euch das an, oder trefft ihr die sogar Backstage?
Sebastian: Ja anschauen auf jeden Fall, was Backstage angeht werden wir natürlich auch alles versuchen. Aber die haben halt so eine gewisse Professionalität, da geht halt wahrscheinlich nichts. Insofern werden wir mal schauen, was drin ist.
Adrian: Ein großer Einfluss auf eure Musik sind Asking Alexandria ...
Kevin: Ja, da hast du durchaus recht. Das sind so die Bands, die wir früher gehört haben, Attack Attack, Asking Alexandria ... Die Bands also, die nicht wie Enter Shikari den Elektro-Kram – wie zum Beispiel Techno – zu ihrem Hauptpart gemacht haben, sondern eher den Core im Vordergrund gelassen haben.
Sebastian: Asking Alexandria? Also ich steh ja jetzt nicht so auf den Sound, das ist immer so als ob du einen Batmanfilm einschaltest. Zehn Millionen Streicher, die haben ja alles dabei. Das ist mir zum pompös! Aber die haben uns schon beeinflusst.
Kevin: Auf jeden Fall dieses amerikanische Zeugs halt. Aber das ist ja auch normal, dass du dich an Mugge die du geil findest orientierst. Kennst du das nicht, da sind zwanzig Sekunden, die du geil findest, und du wünschst dir ein Lied nur aus den zwanzig Sekunden. Das hört sich jetzt doof an, ist aber so. Es ist aber wichtig, dass du auch deinen eigenen Scheiß dazu gibst und nicht nur reproduzierst. Ohne jetzt aggressiv klingen zu wollen, das ist genau das, was die meisten anderen Bands machen. Ich find' die geil!
Sebastian: Mit dem Songwriting ist es nicht immer so einfach, manchmal schreibst du was und denkst „Woa geil!“ und eine Woche später hörst du ein Lied und denkst: „Ach da kommt das also her.“ Wir sind da nicht anders als andere Bands, das ist denke ich ein gängiges Problem.
Adrian: Es gibt augenblicklich so viele Bands in der Szene, weil das auch ein wenig eine Modeerscheinung ist. Wie hebt ihr euch von der Masse ab?
Sebastian: Also natürlich ist da die Show, aber das Gesamtkonzept macht es aus.
Kevin: Da ist einerseits das Gesamtpaket, oder aber du machst etwas ganz Neues. Natürlich kannst du unsere Musik auch grob klassifizieren und in einen Masse einordnen. Aber wir sind nicht wie andere Bands! Grad vorhin haben wir ewig am Merch-Stand rumgeeiert. Ich finde auch musikalisch sind da Unterschiede. Natürlich haben wir auch Breakdowns und viele Elemente, die in die Core-Szene passen, aber dann gibt es da Sachen wie Hops-Parts die total unmetal sind. Ich finde, Metal muss nicht immer böse sein. Wir würden uns jetzt nicht zum Hardcore dazuzählen. Ich meine die Metalszene hat sich so oft gespalten und getrennt, dass es schwer ist dich richtig zuzuordnen. Dann sind wir zum Beispiel kein Elektrocore, denn Elektrocore hat für gewöhnlich Synthies dabei. Aber ist das richtig? Schwer zu sagen!
Sebastian: Heute haben ja eigentlich alle Synthies. Core ist heute immer mit Synthies, das kannst du so schwer pauschalisieren.
Kevin: Einmal hat uns jemand gefragt, wie man die Mugge nennt, die wir machen. Das ist eine Frage, die interessiert uns gar nicht. Wichtig ist doch eher, dass es den Leuten Spaß macht und gut rüber kommt. Aber die Leute haben uns weiter gefragt, wie wir es nennen. Da haben wir dann einfach gesagt ...
Sebastian: … Psychedelischer Pornometal mit einer Portion Glamrock. Aber jetzt nicht drauf festgenagelt!
Kevin: Dann ging es weiter: „Ihr macht also Pornometal!“ Psychedelisch und Glam wurde gleich außen vor gelassen, weil Porno ja das interessanteste Wort ist. Wie es halt so läuft!
Adrian: „Porno“ passt ja ganz gut zu euren Lyrics, die dadurch auch schon einige Kontroversen ausgelöst haben. Wie steht ihr dazu?
Sebastian: Ich finde, wenn die Leute was finden wollen über das sie sich aufregen können, dann finden sie auch was. Wenn du das Radio anmachst läuft Flo Rida mit „Blow My Whistle Baby“ hoch und runter und da juckt das keine Sau. Hast du mal das neue Lied von Macklemore ausgecheckt? Da kommt alles drin vor: Cock, Pussy, etc.... Niemanden interessiert das. Weil wir jetzt aber aus einer politisch angehauchten Ecke kommen, nämlich der Hardcore-Szene, werden wir genauer unter die Lupe genommen. Wir haben nur Spaßlieder bis auf zwei, und die sind keinem aufgefallen.
Kevin: Wir sind ja noch keine große Band. Ich finde es ist ein Problem, dass die Medien heute große Problemstellungen anhand kleiner Bands diskutieren. Es wurde gesagt, dass unsere Lyrics Homophob und menschenverachtend seien. Keiner würde zu Busta Rhymes gehen und so etwas machen, das ist undenkbar, weil diese Musik viel zu populär ist. Als wir die Lyrics gemacht haben, da kannte uns kein Schwein, also hatten wir auch keine soziale Verantwortung. Uns haben vielleicht drei Leute gehört.
Sebastian: Die ganze Thematik der sozialen Verantwortung ist schwierig. Das kommt immer auf den Fall an. Rammstein provozieren auch. Die haben am Anfang auch richtig auf den Sack gekriegt, heute traut sich das auch keiner mehr. Die harte Jugendsprache, der wir uns bedienen, ist in der Rocksprache Gang und Gäbe.
Kevin: Aber das darf keine Entschuldigung sein. Fakt ist, dass wir am Anfang keine Fans und damit auch keine potentiellen Auswirkungen hatten. Seit es dann wirklich dazugekommen ist, dass wir wegen unserer Lyrics mal ausgeladen wurden, haben wir uns auch mal damit beschäftigt. Wir haben nicht gesagt, ihr könnt uns mal, sondern wir haben uns damit auseinandergesetzt. Wir haben die Leute gefragt Wie sehr ihr das? Findet ihr, dass unsere Lyrics frauenverachtend sind?“
Sebastian: Am Ende ist das Ganze eine Diskussion ohne Boden. Du diskutierst und es steht die Frage im Raum, ob du dich dieses Humors bedienst. Sagst du Nein, sind wir Arschlöcher, sagst du Ja dann ist das nur normal. Das ist ja auch alles Quatsch, wenn ich jetzt sage „Man siehst du heute schwul aus!“, dann doch nur, weil ich das aus meinem Umfeld so gelernt habe. Man sollte eher hier ansetzen, warum das überhaupt als Beleidigung gesehen wird.
Kevin: Das ist das, was ich meine. Wenn du mehr Einfluss hast, musst du kritischer damit umgehen. Ich verstehe schon, was unsere Kritiker meinen. Irgendwann gibt es da so eine richtige Verrohung gegenüber diesen Ausdrücken, wenn dauernd weiblich wirkende Männer als tuntig oder schwul bezeichnet werden. Wenn das konstant so gehalten wird, dann wird schwul mit einer negativen Bedeutung belegt. Es gibt sicher Schwule, die sich dadurch angegriffen fühlen. Solange ich in meiner Umgebung nicht merke, dass etwas passiert, das ich nicht will, zum Beispiel, dass Leute ausgegrenzt werden. Ich glaube, insgesamt ist das eher als Synonym zu sehen.
Sebastian: Es gab einmal den Fall an einem Schülerfestival in Wuppertal, an dem wir spielen sollten, dass sich im Vorfeld Eltern darüber beschwert haben. Dort gab es einen schwulen Deutschlehrer, also einen mit direktem Bezug zur Thematik, und der sagte, dass er sich davon einfach nicht angegriffen fühlt. Das ist alles so krass übertrieben, dass man das doch gar nicht ernst nehmen kann, da muss man schon ein Idiot sein. Daher kann ich auch die Meinung von ein paar Feministinnen nicht teilen, die sich über einen Text beschweren, in der ein Date dargestellt wird. Im Anschluss wird dargestellt, dass der Mann den Busch der Frau mit einem Rasenmäher wegschneiden muss. Ihrer Ansicht nach ist das ein weibliches Schönheitsideal. Wenn ihr jetzt mal an Scary Movie 2 denkt, das mit der Heckenschere, da hätte das auch keiner gesagt. So wie Scary Movie sollte man unsere Music eigentlich auch sehen.
Adrian: Theoretisch gesehen ist es ja umso besser für euch, wenn so etwas verbreitet wird, weil ihr dadurch mehr Publitcity bekommt!
Sebastian: Ja, das checken die ja auch nicht. Umso mehr die das verbreiten, desto mehr Leute kommen zu unseren Shows. Aber eigentlich ist das keine Publicity, die wir wirklich wollen. Manche Bands provozieren das ja geradezu. Bestes Beispiel hierfür: Bushido! Es gibt keinen gewiefteren Geschäftsmann, der macht das alles mit Absicht. Der hat zehn Millionen Klicks dafür bekommen, etliche Alben verkauft, das Ding wurde sogar indiziert wodurch es nochmal gepushed wurde. Und wenn der dafür eine Strafe von 200.000 Euro bekommt, dann ist das dem doch scheißegal, wenn er dadurch 10 Millionen Euro verdient. Da hast du schon recht!
Adrian: Da die Zeit langsam knapp wird, möchte ich abschließend noch eine Frage stellen ... welchen Tipp würdet ihr dem Nachwuchs geben, der sie dem Erfolg näher bringen könnte?
Kevin: Ja, gute Frage! Auf unserer Bury Me In Vegas Tour wurde ich das mal von einem Fan gefragt. Ich will den jetzt nicht runtermachen, aber du hast ihm angemerkt, der will nur anderen Leuten gefallen und erst dann sich selbst. Der dachte, dass du einfach nur die aktuelle Musik kopieren musst, da sie angesagt ist. So ist das aber nicht, es ist genau andersrum. Du musst zuerst dir gefallen, dann kannst du das auf andere Leute übertragen, so läuft das und nicht anders.
Sebastian: Du musst dich halt auch trauen. Ich weiß noch, wie das bei uns anfing mit den Kostümen. Da standen wir auf der Bühne und dachten, das sieht echt beschissen aus, aber wir haben's dann doch durchgezogen. Du musst nämlich immer etwas haben, was die anderen nicht haben. Du musst die Leute erreichen. Das Beste ist, du ziehst dich mit deiner Band nackt aus und rennst den Ku'Damm hinunter, filmst das und machst ein Musikvideo draus.
Kevin: Dann bist du nicht eine coole Rockband unter vielen, du bist DIE coole Rockband. Du musst was an dir haben und nicht die leere Hülle sein. Wir hatten zum Beispiel ein Einleitungsblock um uns alle vorzustellen, dadurch waren wir schon bekannt, die Fans wussten, wer was gerne macht und was unsere Hobbys sind, sie hatten ein Gesicht und den Charakter vor Augen. Wenn sowas nicht da ist, dann wird die Musik schnell wieder vergessen.
Sebastian: Mit den Kostümen haben wir was Neues in die Hardcore Szene gebracht, nicht soundmäßig, aber vom Style. Wir haben auch alles selbst gemacht, Aufnahmen inbegriffen. Ich finde das klingt dann alles noch geiler. Es gibt viele Sachen, die du machen musst, wenn du was reißen willst steckt da viel harte Arbeit dahinter. Wir hängen jeden Tag hinter der Band, du musst schon voll dahinter stehen, daran glauben und kein Schiss haben.
Adrian: Danke, dass ihr euch soviel Zeit für uns genommen habt. Viel Spaß noch auf dem Wacken!
Beide: Danke auch, hat wirklich Spaß gemacht!
Moderation: Adrian Erben

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